Berlin : Von Menschen und Dogmen

Evangelische Pfarrer aus Mitte kritisieren katholisches Diktat beim Kirchentag

Lothar Heinke

Die größte evangelische Ost-West-Gemeinde in Berlins Mitte hat ihre drei Gotteshäuser dem Kirchentag geschenkt: Die Jerusalemkirche in der Lindenstraße wird zum Zentrum der Aktion Sühnezeichen, St. Lukas in der Bernburger Straße gehört den jungen Christen, und in der Französischen Friedrichstadtkirche auf dem Gendarmenmarkt tagen die evangelische und die katholische Akademie. Dennoch sehen die Mitglieder der drei vor zwei Jahren vereinigten Gemeinden „zwischen Halleschem Tor und Spree“, wie Pfarrer Matthias Loerbroks die weitläufige City-Lage beschreibt, den Kirchentagstagen mit gespannter Erwartung, aber auch mit gemischten Gefühlen entgegen.

Die evangelische Kirchengemeinde in der Friedrichstadt hat eine Ausstellung arrangiert, die jenem Pfarrer gewidmet ist, nach dem die ältesten Wohngebäude in der Friedrichstadt benannt sind – die Schleiermacher-Häuser an der Ecke der Tauben- und Glinkastraße. Hier treffen wir zwei Dutzend Gemeindemitglieder bei letzten Absprachen; ab heute abend haben sie die Regie im Charles-Darwin-Gymnasium in der Krausenstraße, wo 320 Gäste übernachten werden. „Wir sind für die Nachtwache und fürs leibliche Wohl zuständig“, sagt Magrit Delius, die mit ihren Helfern spätestens um sechs Uhr mit dem großen Sack voller Schrippen anrollt: Das Frühstück soll zu 50 Prozent „ökofair“, sein, „deshalb haben wir Produkte aus ökologischem Landbau und aus fairem Handel besorgt“, sagt Delius.

Doch der Mensch lebt nicht vom Brot allein, schon gar nicht bei einer Veranstaltung, deren geistige Nahrung in Hülle und Fülle ausgeschenkt wird. Fast 700 Seiten stark ist der Wälzer mit dem Programm, aber der Jubelchor über den Kirchentag mit der Losung „Ihr sollt ein Segen sein“ ist nicht einstimmig. Pfarrer Stephan Frielinghaus von der Friedrichstadt-Gemeinde sagt, er sei da, wenn man ihn braucht, und die Gemeindearbeit gehe weiter, aber aus Gewissensgründen könne er an diesem Kirchentag „insbesondere an gottesdienstlichen Veranstaltungen nicht teilnehmen“. Der junge Pastor kommt aus einer Familie, deren Vorfahren väterlicherseits seit mehreren Jahrhunderten als evangelische Pfarrer auf Kirchenkanzeln standen. „Sie haben das Evangelium verkündigt, die Sakramente gespendet und die Menschen in ihren Gemeinden seelsorgerisch begleitet.“ Er könne nicht mit einer Institution zusammenarbeiten oder Gottesdienste feiern, die sagt, dass dies alles nicht gültig und nichts wert gewesen sein soll und dass es die evangelische Kirche im eigentlichen Sinne nicht gibt. „Genau dies tut die römische Kirche in allen offiziellen Äußerungen – auch in jedem Gottesdienst, indem sie nämlich für die Ungläubigen betet, und damit sind wir gemeint.“ Dem Partner die Existenz abzusprechen mache einen Dialog a priori unmöglich.

Frielinghaus hält es für eine „katastrophale Fehlentscheidung unserer Kirche“, dass sie sich auf die von Rom diktierte „Conditio sine qua non“ eingelassen hat – kein gemeinsames Abendmahl. Dieses jahrhundertealte Streben nach Absolutheit und Macht sei es, was ihn störe. Es gehe nicht um Dogmen, sondern um Menschen. „Nach meiner Überzeugung sind alle diejenigen zum Abendmahl eingeladen, die den aufrichtigen Wunsch haben, daran teilzunehmen“, sagt Frielinghaus und betont seine Zustimmung „für die ökumenische Zusammenarbeit gegen Krieg, Gewalt, Hunger und Krankheit, wie das seit langem eine Selbstverständlichkeit ist“.

Der Mann Gottes aus dem Schleiermacher-Haus hat diesen Standpunkt seiner Obrigkeit dargelegt und auf einer Gemeindekirchenratssitzung zur Diskussion gestellt. Viele Mitglieder hätten Achtung und Verständnis, sogar Zustimmung, bekundet, sich aber dennoch bereit erklärt, ehrenamtlich beim Kirchentag mitzuarbeiten. „Ich war darüber nicht unglücklich, denn auch ich will nicht verhindern, sondern ermöglichen“, sagt der Pfarrer. Was wäre ideal für die nächsten Tage? „Dass man die Andersartigkeit des anderen anerkennt und sich gegenseitig ernst nimmt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar