Von Montag an : 100 Praxen impfen jetzt gegen die Schweinegrippe

Ab Montag können sich auch Schwangere und chronisch Kranke immunisieren lassen. Alle anderen sind in etwa einer Woche dran. Die Adressen stehen im Internet, auch auf unserer Online-Seite, oder sind telefonisch zu erfragen. Ärzte raten zu Besonnenheit und Geduld, denn nicht alle Praxen haben schon den Impfstoff.

Katja Reimann,Christoph Stollowsky
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Eintritt zum Pieksen. Zunächst 100 Praxen stehen ab heute bereit, um Risikogruppen gegen eine H1N1-Infefktion zu impfen. Bis...dpa

Jetzt soll sie beginnen, die große Immunisierung der Bevölkerung gegen die Schweinegrippe. Doch die zweite Phase der groß angelegten Impfaktion startet am heutigen Montag bereits wieder mit Verwirrung: Eine Liste von mehr als 200 impfwilligen Ärzten ist nun auf der Internetseite der Gesundheitsverwaltung zu finden, doch davon können nur etwa 100 schon am Montag mit der Immunisierung beginnen, die übrigen warten teilweise noch auf den bestellten Impfstoff. Bis zum nächsten Wochenende sollen es dann 200 impfbereite Praxen sein. Zunächst sollen Risikogruppen wie Schwangere oder chronisch Kranke, zum Beispiel Diabetiker, einen Impfschutz gegen das H1N1-Virus erhalten. Ab der zweiten Novemberhälfte soll die Impfung auch für alle anderen möglich sein.

Im Verlauf des Monats will die Gesundheitsverwaltung ein Netz mit mindestens 500 beteiligten Praxen aufbauen. Damit sei die zu erwartende Nachfrage recht gut abzudecken, heißt es. Etwa 400 Ärzte von insgesamt rund 2000 angefragten Praxen wollen bislang teilnehmen. In Berlin können aber auch deshalb nicht alle am Montag anfangen, weil die Verwaltung den zuvor erforderlichen Impfvertrag noch nicht mit ihnen abgeschlossen hat. Die Bearbeitung der Verträge ist aufwendig und dauert. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linke) erwartet aber ohnehin, dass sich die Berliner „erst nach und nach“ impfen lassen werden. „Es wird kein Chaos geben“, sagte sie im Tagesspiegel-Interview. Panik herrsche nicht.

Das bestätigten auch befragte Ärzte. Die Schweinegrippe ist zwar überall wichtigstes Thema in den Praxen, die Leute seien aber besonnen, heißt es. „Nahezu jeder Patient fragt besorgt und erhofft sich von uns Entscheidungshilfen, aber die meisten sind gelassen und längst nicht jeder will sich bereits impfen lassen“, sagte Kinderärztin Eva Brand an der Steglitzer Schloßstraße. Sie selbst will in ihrer Praxis nicht gegen das H1N1-Virus impfen. Sie habe ein „mulmiges Gefühl“, Kinder zu impfen.

Die etwa 300 niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte in Berlin wollten bislang vor allem für Kinder unter drei Jahren auf einen risikofreien Impfstoff ohne Quecksilberverbindung und den umstrittenen Wirkstoffverstärker warten, der auch für Schwangere empfohlen wird. Da dieser Stoff aber nicht in absehbarer Zeit geliefert werden könne, habe man sich entschlossen, nun auch schon jüngere Kinder zu impfen, allerdings in erster Linie chronisch Kranke und Behinderte ab dem sechsten Monat, erklärte Ulrich Fegeler, Kinderarzt und Sprecher des Verbandes der Berliner Kinder- und Jugendärzte und der Deutschen Kinderärzte.

Ein Grund für das Umschwenken der Kinderärzte sei der „exponentielle Anstieg der Infektionen“ und der bei Kindern „besonders harte Krankheitsverlauf“, der vor allem für bereits kranke und behinderte Kinder gefährlich sein könne, sagte Fegeler. Alle Risikokinder sollten deshalb sofort geimpft werden, bei gesunden Kindern solle man in Ruhe mit den Eltern die Situation abwägen, bei ihnen bestehe noch immer „keine primäre Notwendigkeit“ zum Impfen. Viele Kinderärzte seien zudem bereit, unentgeltlich in Räumen der Gesundheitsdienste zu immunisieren, wenn die Bezirke das Hilfspersonal stellten. Über diesen Vorschlag wird noch verhandelt.

In Berlin sind derzeit 1192 H1N1-Infektionen registriert. Doch selbst nach dem ersten Berliner Todesfall im Zusammenhang mit der Schweinegrippe sind auch viele andere Mediziner noch immer skeptisch gegenüber dem umstrittenen Impfstoff sowie hinsichtlich dessen, wie gefährlich diese Art der Grippe ist. Der Chirurg und Präsident der Berliner Ärztekammer, Günter Jonitz, warnte am Wochenende erneut vor „überzogenen Reaktionen“. Furcht sei kein guter Ratgeber. „Die Schweinegrippe ist nach wie vor eine relativ harmlose Krankheit“, sagte Jonitz. Die Sterblichkeit sei im Vergleich zur klassischen Influenza weiterhin sehr gering. Es gelte, die Risiken des Impfstoffes gegen die Risiken der Erkrankung abzuwägen. Jonitz empfiehlt: „Chronisch kranke oder behinderte Menschen sollten sich unbedingt impfen lassen, weil sie besonders gefährdet sind. Ebenso alle, die sich vor der Schweinegrippe ängstigen. Wer aber gesund und nicht bange ist, kann abwarten.“

Die meisten Praxen werden nun voraussichtlich Impfsprechstunden einrichten. Das hängt mit der Besonderheit des Impfstoffes „Pandemrix“ zusammen. Dieser wird nur in Gebinden von jeweils zehn Dosen hergestellt und muss nach der Auslieferung an die Praxen innerhalb von 24 Stunden verbraucht werden. Das zwingt dazu, mindestens zehn Patienten in einem Durchgang zu impfen.

Auch die Praxis von Ulrike Theuer in Potsdam richtet eine Impfsprechstunde ein, ab Mitte der Woche soll der bestellte Impfstoff verfügbar sein, sagt Mitarbeiterin Schwester Babette von Sauberzweig. In ganz Brandenburg wollen sich etwa 630 Praxen an der Impfaktion beteiligen. Von Sauberzweig sagt, bereits jetzt hätten sich rund 40 Menschen zur Impfung angemeldet. Und ob chronisch krank oder nicht, „diejenigen, die sich angemeldet haben, bekommen auch ihre Impfung“.

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