Berlin : Von O bis X

Es ist EM – Beine beherrschen die Bildschirme, Blutgrätschen, Bänderrisse, Blasen… Ist Fußball gesund? Und was macht Basketball mit uns? Oder Ballett?

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Beim Fußball sind die Beine extremen Belastungen ausgesetzt. Sie laufen, grätschen, schießen… Die häufigste Verletzung ist der Riss des vorderen Kreuzbandes, Verbindung und Stütze zwischen Ober und Unterschenkel. Das kommt sogar so häufig vor, dass es der „Bild am Sonntag“ nach einer Reihe von Verletzungen, (Jens Nowotny, Torsten Frings, Jörg Böhme) sogar die Schlagzeile „Kreuzband-Fluch“ wert war. Die modernen Stollen erhöhen die Gefahr sogar noch, sagt Dieter Nollau, Münchener Sportmediziner und ehemaliger Vereinsarzt des TSV 1860 München: „Sie stabilisieren den Stand so effektiv, dass der Unterschenkel fixiert bleibt, während sich der Oberschenkel weiter dreht“. Dann kann das Kreuzband, das nur vier bis fünf Zentimeter lang ist und einen Durchmesser von 0,5 bis 0,7 Zentimeter hat, sogar reißen. Im Amateurbereich dagegen sei meist eine mangelnde athletische Ausbildung Schuld an Verletzungen, sagt Dieter Nollau. Er empfiehlt Muskeltraining und mindestens 15 Minuten Aufwärmen. Wer viel spielt, sollte im Verein auch nach einer Sprungschulung fragen und Falltechniken erlernen.

Gefährlich kann Fußball auch Kindern werden. Sie müssen damit rechnen, O-Beine zu bekommen. Das hat der belgische Sportwissenschaftler Erik Witwrouw von der Uni Gent jüngst nachgewiesen. Die Ursache sei eine asymmetrische Krafteinwirkung auf die Kniegelenke, weil die inneren Beinmuskeln kräftiger seien, erklärt Witwrouw in der „Apotheken Umschau". Er rät zu einem breiteren Sportprogramm.

Zwei Meter große Kerle, meist über hundert Kilo schwer, springen auf engstem Raum herum und kämpfen um den Ball – beim Basketball bleibt wenig Platz für Gesundheitsvorsorge. Der Mangel an Raum ist das größte Problem. Die häufigsten Verletzungen: „Verdrehte Knie, weil man auf dem Fuß des Mit- oder Gegenspielers gelandet ist, Meniskusschäden, Innen-, Außen- und Kreuzbandrisse", sagt Gerd-Ulrich Schmidt, Vereinsarzt von Alba Berlin. Auch der Hallenboden birgt Risiken: Ist er zu stumpf oder zu glatt sind die Bänder im Knie gefährdet. Während sich nämlich der Oberschenkel in einer Vorwärts- oder Sprungbewegung befindet, stoppt der Unterschenkel ab, oder er rutscht weg. Außerdem wirken sich die Sprünge, Sprints mit Antritten, Stopps und Richtungsänderungen auch auf die Wirbelsäule belastend aus. Ansonsten: Für die Fettverbrennung ist Basketball wegen seiner Schnelligkeit kaum geeignet. Die Energie wird vorwiegend aus Kohlenhydraten und nicht aus Fett gewonnen; Fett wird eher bei niedrigerer Frequenz verbrannt. Herz-Kreislauf-Kranke und Menschen mit Rückenbeschwerden sollten auf diesen Sport verzichten.

Beim Schwimmen werden die Beine so gut wie gar nicht belastet, weil im Wasser nur ein Sechstel des Körpergewichts zum Tragen kommt; das macht Schwimmen auch so rückenschonend. Stattdessen tritt eine leichte Kräftigung der Beinmuskulatur ein und Venenschwächen, also Krampfadern, können ausgeglichen werden, denn der Wasserdruck entfaltet eine ähnliche Wirkung wie ein Kompressionsstrumpf: Das Blut wird zum Herz zurück gedrängt. „Es gibt beim Schwimmen eigentlich nur ein Problem“, findet Arno Schmidt-Trucksäß, Arzt des Deutschen Schwimmverbandes, der die deutsche Mannschaft zu den Olympischen Spielen in Athen begleiten wird: die Beinstellung beim Brustschwimmen. „Statt die Drehung des Beines bei der Brustgrätsche aus der Hüfte zu vollziehen, wird sie zu gestreckt, aus den Knien heraus, ausgeführt", sagt Schmidt-Trucksäß. Das reizt das Knie. Der Arzt empfiehlt, zu Beginn maximal zwei Mal die Woche eine halbe Stunde zu schwimmen.

Das Problem am Joggen sind die so genannten Mikroprozesse, die Reaktionen auf Zellebene. „Es können Mini-Traumata entstehen, wenn man falsche Schuhe trägt, nicht richtig läuft oder einen zu harten Untergrund gewählt hat", sagt Sportmediziner Dieter Nollau. Erschütterungen der Menisken werden dann nicht mehr optimal abgefangen. Ober- und der Unterschenkel, die an der schmalsten Stelle etwa 0,5 Zentimeter auseinander liegen, schlagen gegeneinander. Dadurch wird die Knorpelschicht geschädigt. Die Zellen, deren Struktur man sich wie eine Ziegelmauer vorstellen kann, platzen. Wer seine Beine längere Zeit falsch belaste, kann mit einer Erweichung oder sogar Rissen des Knorpels rechnen. Eine Laufanalyse kann helfen, individuelle Gefährdungen zu erkennen, denn es läuft nicht jeder gleich. Man unterscheidet zwischen Vorfuß-, Mittelfuß- und Fersenlauf, je nachdem, mit welchem Teil des Fußes man bei der Landung zuerst den Boden berührt. Unterschiede ergeben sich auch durch die Form der Füße, es gibt Knick-, Senk- und Spreizfüße. Beim Knickfuß zum Beispiel setzt sich das Ungleichgewicht nach innen über die Muskulatur in den Unterschenkel fort und löst Schmerzen an Schienbein und Achillessehne aus. Laufanalysen sind in Berlin zum Beispiel im Reha-Zentrum an der Gartenstraße möglich (Telefon 285 18 40, 61,50 Euro).

Beim Radfahren entfällt ein Problem, das bei vielen anderen Sportarten auftritt: Das Körpergewicht belastet weder Hüfte noch Beine. Stattdessen werden durch den Tritt die Muskeln in Becken, Bauch und Schenkeln trainiert. Aber: Gesund ist Radeln nur bei dem, der richtig sitzt. „Wer sein Knie über den 90-Grad-Winkel hinaus heranzieht, überspannt das Kniegelenk", sagt Georg Huber, Koordinator Medizin im Bund Deutscher Radfahrer. Die richtige Satteleinstellung finde man so: Wenn man den Ellbogen als Verlängerung der Sattelspitze nimmt, muss der Ringfinger die Lenkerstange berühren. Eine andere Gefahr: „Da man nicht auf den eigenen Beinen steht, merkt man Erschöpfung oft nicht", sagt Huber. „Das kann die Reaktionen erlahmen lassen, was gefährlich ist im Straßenverkehr.“ Deswegen rät er zum Helm. Und: zu Hosen ohne Nähte. Sonst kann man sich böse den Po aufscheuern.

Tanzen macht nicht nur glücklich, tanzen macht auch schlau. Sagt zumindest die Münchener Medizinerin Liane Simmel, die sich auf Tanzverletzungen spezialisiert hat. „Tanzen steigert Körperwahrnehmung und Koordination und regt durch die gleichzeitige Verarbeitung von Rhythmus und Bewegung das Nervensystem an", sagt die Expertin. Viele Profitänzer hätten deshalb „einfach eine bessere Auffassungsgabe". Den Beinen tut Ballett allerdings nicht so gut. Die Außenrotation bei vielen Ballettbewegungen lösen auf der Innenseite des Knies Band- und Meniskusreizungen aus. Die klassische Tanzverletzung trifft aber den Fuß. „Balletttänzer laufen häufig auf der halben Spitze, also mit dem gestreckten Fuß auf den Zehen", sagt die Tanzmedizinerin. „Wenn man zu stark nach innen kippt, gibt das Sehnenscheidenentzündungen.“ Der lange Großzehenbeuger wird dauerhaft gedehnt, überlastet und beginnt zu schmerzen. Irritierenderweise spüren viele Tänzer das an der Achillessehne, weswegen der Schmerz von vielen Medizinern nicht als Reizung des Großzehenbeugers erkannt wird. Liane Simmel rät, den gesamten Fuß zu stärken. Beispielsweise: mit den Zehen Taschentücher oder Murmeln aufheben.

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