Berlin : Von Pferden und Buletten

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, dass Berlin seine Schuldenlast allein tragen, also ohne finanzielle Hilfe des Bundes auskommen muss, war gleich in der konstituierenden Sitzung des Abgeordnetenhauses Anlass für eine lebhafte Debatte.

Natürlich hatte die Opposition an Klaus Wowereits Regierungserklärung allerlei auszusetzen. Auch der neue CDU-Fraktionsvorsitzende Friedbert Pflüger nutzte seine Antrittsrede, dem Regierenden Bürgermeister tüchtig einzuheizen. „Kommen Sie von dem selbstgerechten Ross herunter, von dieser selbstgerechten Position“, rief er Wowereit zu.

Schön und gut, aber an dem Sprachbild stimmt doch etwas nicht. Hat man jemals von einem selbstgerechten Ross gehört? Ein Ross ist ein edles Pferd, ein edles Reitpferd. Manch einer sitzt auf seinem hohen Ross, er thront sozusagen über allen und behandelt sie von oben herab. Das heißt, er ist überheblich, hochmütig, selbstgefällig. Selbstgerecht ist jemand, der sich für unfehlbar hält, keiner Kritik zugänglich und zur Selbstkritik unfähig ist. Neumodisch heißt das unter Politikern, er sei „beratungsresistent“. Alle diese Eigenschaften haben weder stolze Rosse noch leblose Positionen. Pflüger wollte sicher sagen, Wowereit möge von seinem hohen Ross herabsteigen und nicht selbstgerecht sein.

Einer, dem die verunglückte Metapher auffiel, spottete sogleich: „Der geht ja direkt ran wie Blücher an die Buletten.“ Also man geht entweder gierig ran wie Hektor (der Hund) an die Buletten, oder man geht mutig ran wie Blücher, der preußische Generalfeldmarschall in den Befreiungskriegen, den die Russen „Marschall Vorwärts“ nannten.

Schon gut, man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, wenngleich eine Rede etwas anderes ist als eine spontane Äußerung. Es soll Leute geben, die die Goldwaage mit einer Goldschale verwechseln, auf die sie nicht jedes Wort legen wollen. Wer hat sich nicht schon in Redewendungen, Satzbezügen, Sprichwörtern und Metaphern verheddert, etwas unter den Tisch gekehrt statt unter den Teppich? Neulich meinte jemand bekümmert über die Finanznot: „Uns steht das Wasser Oberlippe Unterkante.“ Sprichwörtlich steht einem das Wasser zwar nur bis zum Hals, aber wenn schon bis zur Lippe, dann höchstens Unterlippe Oberkante, man will ja nicht ertrinken.

Als dieser Tage bekannt wurde, dass zerbröselnde Geldscheine aufgetaucht sind, hörte ich im Rundfunk: „Verantwortlich ist Schwefelsäure.“ Rums, ich dachte, mich tritt ein Pferd. Klar, Schwefelsäure wurde als Grund für den Zerfall festgestellt. Doch wäre sie verantwortlich, müsste man ja gegen die Schwefelsäure ermitteln. Zu komisch, was bei verunglückter Wortwahl herauskommt.

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