Von Räumung bedroht : Die Rollheimer melden sich zurück

Rund zehn Wagenburgen gibt es noch in Berlin, nur wenige haben feste Verträge. Mit den Nachbarn haben die Bewohner Frieden geschlossen.

Moritz Gathmann
Wagenburgen
Ein seltenes Bild: Die Wagenburgen sind aus der Berliner Innenstadt fast gänzlich verschwunden. -Foto: David Heerde

Es erinnert ein bisschen an Ferienlager. In der „Wagen- und Hängerburg Friedrichshain“ sitzen Elektra und Felix beim späten Frühstück und erinnern sich bei Tofu und Soja-Milch an früher. An den buntbemalten Wohnwagen ranken Sonnenblumen, auf den Dächern glitzern Solarzellen. „Klar, teuer, aber dafür sind wir unabhängig von Stromunternehmen,“ sagt Felix, freiberuflicher Veranstaltungstechniker. Eine solche Idylle konnte sich damals niemand vorstellen, als sie 2001 von ihrem alten Platz vertrieben wurden. Elektra, Schriftstellerin und Programmiererin für Freifunknetze, erzählt, wie sie vor sechs Jahren monatelang durch Berlin rollten, immer in Polizeibegleitung, die darüber wachte, dass sie sich nicht wieder an einem unerlaubten Ort niederließen – bis sie ihr neues Zuhause fanden an der Modersohnstraße.

Von den „Rollheimern“ hatte man lange nichts gehört, doch plötzlich waren sie wieder da: Am vergangenen Samstag zogen 70 der Rollheimer nebst Sympathisanten durch Kreuzberg, machten mit einer „symbolischen Besetzung" an der Cuvrystraße auf ihren Existenzkampf aufmerksam. „Akut von Räumung bedroht" seien sie, sagt Liese, eine der Bewohnerinnen des „Frauen-Lesben-Transgender-Platzes Schwarzer Kanal“ an der Michaelkirchstraße. Noch rund zehn Wagenburgen gibt es nach Schätzung der Rollheimer in Berlin, 800 bis 1500 Menschen sollen es sein, die keine „Hausmenschen“ sein wollen.

Was die Existenz zuweilen schwierig gestaltet. Nur einige wenige Wagenburgen haben befristete Mietverträge mit dem jeweiligen Bezirk, meistens liegt ihr Status jedoch in einer juristischen Grauzone. Konkret bedeutet das: Sobald ein Investor gefunden ist, müssen die Rollheimer ihre Brache räumen. Kein Wunder also, dass jeden Besucher in der Wagenburg „Schwarzer Kanal“ an der Michaelkrichstraße ein Transparent mit der Aufschrift „Mediaspree versenken“ empfängt. Nach den Planungen der „Mediaspree“ sollen große Teile des Uferstreifens von der Elsenbrücke bis zur Michaelbrücke bebaut werden. Ob, wann und wie diese Pläne umgesetzt werden, ist offen. Für die Wagenburgler aber ist klar: Sie werden kämpfen „gegen Betonwüsten, Kommerz und Mieterhöhungen“.

Die Geschichte der Wagenburgen in Berlin beginnt mit dem „Rollheimer-Dorf“ am Potsdamer Platz Anfang der 80er. Der Begriff „Rollheimer" ist abgeleitet von den kalifornischen Vorbildern, den „rolling homes." Ähnlich wie die Hausbesetzer nutzten die Wagenburgler die vielen Brachflächen West-Berlins, um dort fortan „ein mobiles, naturnahes Leben auf der Basis von Gewaltfreiheit und maximaler individueller Freiheit“ zu führen. Nach dem Mauerfall sah man die Bauwagen dann auf der Suche nach neuen Stellplätzen immer wieder durch die Stadt rollen. Sie waren nicht überall gern gesehen, denn viele Politiker und Anwohner fürchteten, dass die Wagenburgen auch Drogendealer und Kleinkriminelle beherbergten. Das „Rollheimer-Dorf“ vom Potsdamer Platz fand schließlich 1995 seinen Frieden auf dem Friedhofsgelände der St. Jakobi-Gemeinde in Neukölln – mit einem ordentlichen Mietvertrag.

Es scheint den Berliner Rollheimern inzwischen verhältnismäßig gut zu gehen – vielleicht ist es deshalb um sie so still geworden. Die meisten von ihnen haben sich in Friedrichshain und Kreuzberg niedergelassen, dessen grüner Bürgermeister Franz Schulz die „intensive Kommunikation zwischen Nachbarn, Rollheimern und Bezirk“ lobt. Es gebe kaum noch konfliktbehaftete Bewohner, stattdessen würden die Rollheimer „ihren Nachbarn auch schon mal einen selbstgebackenen Kuchen bringen“. Einige Wagenburgler haben der Innenstadt dennoch den Rücken gekehrt und es sich in der „Pankgräfin“ in Karow und in der Wuhlheide gemütlich gemacht.

Vielleicht ein bisschen zu gemütlich: Man hört ein wenig Wehmut heraus, wenn Elektra und Felix von den Jahren des Kampfes erzählen, um Stellplätze und gesellschaftliche Anerkennung der „Wagenmenschen“. Jetzt veranstalten sie zwischen ihren rollenden Häusern Film- und Tangoabende und fühlen sich manchmal „wie im Zoo“, wenn Touristen interessiert durch die Türen ihrer Wohnwagen schauen. Und demnächst veranstalten die Rollheimer so etwas wie einen Tag der offenen Tür: Am Sonnabend lädt die „Wagen- und Hängerburg“ ab 16 Uhr zu einem Platzfest mit „Kleinkunst, Volxverköstigung durch die Spätzle-Freeschtyler und Stockbrot für klein und groß“. Für alle Bürger, die sich nicht vor Rollheimern fürchten.

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