Berlin : Von Seyfried auf Linie gebracht

Der Zeichner malt wieder ein Wahlplakat für den Grünen Christian Ströbele

Lars von Törne

Eigentlich wollte er ein radikaleres Porträt zeichnen, „im Zapata-Stil“, sagt Gerhard Seyfried. Aber da hatten die Wahlkampfberater von Christian Ströbele Bauchschmerzen. Der Kreuzberger Direktkandidat der Grünen im mexikanischen Revolutionärs-Look samt Hut und Patronengurt – das wollte man den Wählern nicht zumuten. Comiczeichner Seyfried fügte sich und schuf mit dem Bleistift einen zahmen Wahlkampf-Ströbele, wie er friedliebenden Kreuzberger und Friedrichshainer Grünen-Wählern gefallen dürfte: auf seinem lila Fahrrad sitzend, der rote Schal im Wind wehend, der Gesichtsausdruck ruhig und klar.

Die Bleistiftzeichnung liegt auf dem Zeichentisch von Seyfrieds Atelier in einer Schöneberger Altbauwohnung. Noch fehlen manche Details und die Farben, aber man erkennt bereits die Oberbaumbrücke im Hintergrund, Symbol und Verbindungsstück des Wahlbezirks Friedrichshain-Kreuzberg-Prenzlauer Berg Ost, in dem Ströbele antritt. Bis Ende Juli soll das Bild fertig sein, ab Anfang August soll Seyfrieds Ströbele-Plakat in den Straßen hängen. „Das Gesicht war das Schwierigste“, sagt Seyfried – vor allem, weil er in diesem Fall mal auf die prägnanten Knollennasen verzichten musste, die seine Comiczeichnungen seit den 70er Jahren legendär gemacht haben.

Seyfried und Ströbele – diese Verbindung hat sich für die Grünen bewährt, zuletzt im Wahlkampf 2002. Damals porträtierte der Hauszeichner der linksalternativen Szene den Politiker als Lichtgestalt – und als Stachel im Fleisch der rot-grünen Regierung. „Ströbele wählen heißt Fischer quälen“, lautete das Motto. Ströbele gewann das bundesweit erste grüne Direktmandat, und das Poster wurde so populär, dass man es später in Souvenirläden kaufen konnte.

„Seyfried ist unsere Marke“, sagt deshalb Dietmar Lingemann vom Vorstand der Grünen in Kreuzberg-Friedrichshain. „Wir setzen auf einen eher konservativen Wahlkampf und setzen fort, wofür Ströbele schon 2002 stand.“ Während die anderen Berliner Kandidaten sich auf die Wahlkampfmaschinerie ihrer Bundesparteien verlassen und optisch auf einheitliches Auftreten setzen, will Ströbele mit Seyfrieds Hilfe Individualität demonstrieren – und potenzielle Wähler mit einer vertrauten Symbolik ansprechen.

Für Seyfried ist die Wahlwerbung nicht nur ein Job von vielen, sondern politische Ehrensache: „Ströbele ist einer der wenigen aufrechten und anständigen Politiker“, schwärmt der Zeichner und begründet das mit Ströbeles Engagement gegen den Krieg oder für linksalternative Projekte wie das kürzlich geräumte Haus in der Yorckstraße. Wie das Plakat aussehen soll, hat Seyfried bei einem Treffen mit Ströbele und dessen Frau besprochen. Da einigten sie sich auf Ströbeles Fahrrad als zentrales Motiv – politisches Symbol für grünen Lebensstil.

Allen Sympathien zum Trotz: Seine eigene Stimme wird Seyfried bei der Bundestagswahl Ströbele nicht geben können. Nach seinem Wegzug aus Kreuzberg und einem Jahr in der Schweiz lebt Seyfried seit vergangenem Jahr in Tempelhof-Schöneberg. Dort will er die Grünen-Direktkandidatin Renate Künast wählen. „Ich will meinen Teil dazu beitragen, das Dreigestirn Merkel, Stoiber, Westerwelle zu verhindern.“

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