Berlin : Von Stein zu Stein

Schon zweimal musste die Statue des Freiherrn vom Stein umziehen. Heute wird sie vor dem Abgeordnetenhaus enthüllt

Lothar Heinke

Die Odyssee des fast acht Meter hohen Denkmals des preußischen Reformers Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein hat ein Ende: Jetzt steht der Reichsfreiherr vor dem Abgeordnetenhaus. „Wo er auch hingehört, weil er sich stets für die Beteiligung aller Bürger an der Gestaltung des Staatslebens eingesetzt hat“, sagt Walter Momper, der die in einer Weißenseer Werkstatt restaurierte Bronzefigur am heutigen Montag vor dem Parlamentsgebäude enthüllen wird.

Der 1757 in Nassau an der Lahn geborene Staatsmann hatte mit seiner Ständeordnung von 1808 die kommunale Selbstverwaltung eingeführt. Stein war ab 1804 preußischer „Superminister“ für Wirtschaft und Finanzen. 1807 entließ ihn der König, holte ihn aber im selben Jahr wieder zurück und stellte ihn an die Spitze der Zivilverwaltung Preußens.

1808 verlangt Napoleon seine Entlassung, Stein flieht mit Hilfe Gneisenaus über Österreich nach Russland und organisiert von St. Petersburg aus als Berater des Zaren AlexanderI. den Widerstand gegen den Korsen. 1813 kehrt er nach Deutschland zurück; zusammen mit Hardenberg erarbeitet Stein zahlreiche Reformen für Staat und Gesellschaft. 1831 stirbt er in Cappenberg.

Spendengelder aus ganz Deutschland ermöglichten es mehreren Bürgervereinen, das von den Bildhauern Hermann Schievelbein und Hugo Hagen geschaffene Denkmal 1875 auf dem einstigen Dönhoffplatz an der Leipziger Straße gegenüber dem Preußischen Abgeordnetenhaus aufzustellen. Doch schon 1899, als das Abgeordnetenhaus in die damalige Prinz-Albrecht- Straße zog, stand der Reformer ziemlich verloren am Rande des Bürgersteigs. Nach dem Krieg blickte er ringsum nur noch auf eine Trümmerlandschaft. Als die DDR die Leipziger Straße verbreiterte und mit Neubauten versah, wies sie dem dreieinhalb Meter hohen Herrn Stein und seinem gestuften Sockel 1981 einen honorigen Platz am östlichen Ende der Straße Unter den Linden zu. Stein stand neben dem alten Kronprinzenpalais im Kontrast zum modernen Außenministerium; Preußen war – nicht weit ritt der Große Friedrich – wieder „in“, der Reichsfreiherr wurde als „Kämpfer des nationalen Befreiungskampfes, der Städte-, Bauern- und Staatsreformen“ gepriesen. Nach dem erfolgreichen Befreiungskampf des DDR-Volkes aber verlor der adelige Freund der Einheit seinen Platz Unter den Linden 1, weil dort nach dem Abbruch des Außenministeriums die alte Kommandantur wiedererrichtet wird.

Wohin mit dem Freiherrn? Der Stadtbaudirektor möchte ihn wieder an den (nicht mehr existenten) Dönhoffplatz nahe dem Spittelmarkt stellen, die Gesellschaft Historisches Berlin schlägt den Bebelplatz, den Bundesrat und das Abgeordnetenhaus vor. Letzteres begrüßt auch das Forum Stadtbild Berlin – dessen Vorsitzender Holger Heiken stammt selbst aus Nassau und freut sich, in Walter Momper einen überzeugten Verbündeten für den neuen Standort gefunden zu haben.

„Stein war von mittlerer Größe, von gedrungener kräftiger Gestalt und breitschultrig“, beschreibt Ernst Moritz Arndt den Reformer. „Das geistreiche Gesicht zeigte starke Backenknochen, eine hohe gewölbte Stirn und eine mächtige Nase. Laut und fest war seine Rede, sicher und kraftvoll sein Gang.“ Auf dem Denkmalsockel steht ein Mann in einem langen Mantel, wie ihn auch Goethe zu tragen pflegte, gestützt auf einen Stock. Vier Frauenfiguren bewachen den Sockel, sie symbolisieren Vaterlandsliebe, Willenskraft, Frömmigkeit und Wahrheitsliebe. Die Berliner machten sogleich einen Vers auf die dreieinhalb Meter hohe Bronzefigur: „Auf dem Dönhoffplatze / stand ein alter Mann / sah mit seiner Glatze / sich das Denkmal an. / Sprach er zu den Kindern: ,Ist das nicht von Stein?‘ / Nee, sagt der Berliner, / Bronze soll es sein.“ Und da Steins linker Fuß wie im Voranschreiten über dem Sockelrand steht, warnten die Berliner den Staatsmann: „Noch een Schritt – und du fliegst uff die Neese!“

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