Berlin : Von Süßkram bis Chitin

Wo Foodies übers Futtern sinnieren: Das erste Taste-Festival in Mitte verbindet Essen mit Kunst.

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Bizarr, aber bestimmt lecker. Schaben im Glashaus und ein Indoor-Gemüsegarten.
Bizarr, aber bestimmt lecker. Schaben im Glashaus und ein Indoor-Gemüsegarten.Foto: DAVIDS

Schauspieler und andere Prominente achten normalerweise streng darauf, dass sie nicht beim Essen fotografiert werden. Bilder von kauenden Menschen sehen nämlich oft nicht sehr schmeichelhaft aus. Beim ersten Taste-Festival, das noch bis zum kommenden Sonntag im Direktorenhaus an der Mühlendammschleuse in Mitte stattfindet, gibt es eine Reihe von kleinen Esstischen, an denen Spiegel befestigt sind wie bei einer Kommode. Dort können die Besucher sich mal selber beim Essen anschauen, ein Experiment als Teil einer Kunstaktion. Anderswo sind Spiegelteller zu sehen, in denen sich nicht nur die Speisen reflektieren, sondern auch man selbst, wenn man sich über sie beugt. Vielleicht ist das eine moderne Interpretation des alten Sprichworts: „Das Auge isst mit.“ Dem Festival ginge es nicht nur um innovative kulinarische Techniken, sondern auch um unsere tägliche Philosophie des Essens, sagen die Organisatoren Katja Kleiss und Pascal Johanssen.

In der holländischen Botschaft, die das Festival unterstützt und sich gleich nebenan befindet, hat die niederländische Architektin bei der Eröffnung des Festivals am Freitagabend ein Beispiel dafür gegeben, wie sich ihr Berufsstand von Lebensmitteln inspirieren lässt. Eine in einem alten Gutshaus ansässige Unternehmensberatung gab den Erweiterungsbau mit Seminarräumen und flexiblen Arbeitsplätzen in Auftrag. Den platzierten die jungen Architekten unter dem Gemüsegarten, „so dass die Ideen der Menschen den reifenden Möhren und Tomaten entgegenwachsen können“. Manches wirkt ziemlich schräg, was hier gezeigt wird, aber schon gleich zu Beginn formierte sich eine lange Schlange vor der Tür des Direktorenhauses. Der Prototyp des „Foodies“, des Menschen also, der sich sehr bewusst für Speisen und Getränke begeistern kann, breitet sich auch in Berlin immer weiter aus, genauso wie die Mode, etwas Leckeres, was man auf dem Teller hat, mit Hilfe der Handykamera dem Freundeskreis zu zeigen.

Es wäre freilich falsch, ins Direktorenhaus zu gehen mit der Erwartungshaltung, vertraute Köstlichkeiten auf der Zunge zerschmelzen zu spüren. Die Esskunst, die hier zelebriert wird, ist definitiv anstrengender als der Genuss einer Eiswaffel. Da gibt es oben unter dem Dach eine kleine Insektenstadt, die illuminiert ist von zehn Overhead-Projektoren. Gleich nebenan bereitet ein Koch Häppchen aus Grashüpfern zu, Tempura zum Beispiel oder süß am Spieß und in flüssige Schokolade getaucht.

Gleich nebenan zelebriert die Japanerin Ayako Suwa in ihrem Guerilla Restaurant „Under the Roof“ Essen mit dem Geschmack von Gefühlen. Was genau sie verarbeitet, bleibt ihr Geheimnis, aber die Gäste sitzen mit geschlossenen Augen da und verspeisen süß-salzige Miniaturen, die etwa nach Leber schmecken. Vom Geschmack der „Scheu und Freude, die sich langsam in Vergnügen verwandelt“, geht es in dem Neun-Gänge-Menü über den „Geschmack des Herzschlags“ langsam weiter bis zum „Geschmack der unkontrollierten Eifersucht“ und schließlich zur „Befriedigung“. Für die Food-Künstlerin dient Essen vor allem der Stimulation der Sinne, und sie will ihren Gästen helfen, „einige wilde Gefühle in sich zu finden“ (Donnerstag bis Sonntag, jeweils 20 Uhr).

Weiter unten in dem Haus geht es etwas harmloser zu. Da entstehen Stühle aus buntem Lakritzkonfekt und Gummibärchen und die Holländerin Lenneke Wipelwey präsentiert eine Kollektion von pastellfarbenen Tellern und Gefäßen im modernen Nieten-Look. „Sehnsucht nach Brot“ heißt eine Installation von Silke Baltruschat, die Brotstücke mit Luftballons verbindet, weil Deutsche im Ausland immer am meisten das Brot vermissen. Warum die Suche nach einer neuen, zeitgemäßen Esskultur für Designer derzeit so wichtig ist, erklärt sich der niederländische Kulturattaché Loek ten Hagen so: „Vier Rosen in einer Vase sehen nicht gut aus, besser man nimmt drei oder fünf. Und genauso ist es mit dem Geschmack.“

Nach dem überaus positiven Feedback der ersten Festival-Tage steht für die Kulturwissenschaftlerin Katja Kleiss fest: „So ein Festival werden wir jetzt jährlich machen und es ausbauen und auch Berliner Restaurants mit einbeziehen.“ Die Grashüpfer dieses Jahres sind also nur Appetitanreger.

Direktorenhaus, Am Krögel 2, Mitte, bis 10. Juni, Mi 14-21, Do-Sa 14-24 Uhr, So 12-22 Uhr, 10 Euro, www.taste-festival.com

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