Berlin : Von Tag zu Tag: 40 Zeilen Herz

Stephan Wiehler

Über Nettigkeiten lässt sich genauso viel oder wenig streiten wie über Geschmacksfragen. Als zum Beispiel Franz Josef Wagner, der Klaus Kinski der deutschen Publizistik, noch Chefredakteur bei der B.Z. war, pflegte er seine Mitarbeiter immer gerne mit den Worten "Guten Morgen, ihr Arschlöcher" zu begrüßen. Das hat Schnauze, das hat Herz, das ist Berlin, und außerdem regt es den Kreislauf an. Mehr Herz und Schnauze für Berlin, das hat sich Eberhard Diepgen erst am Wochenende wieder gewünscht, als Frank Steffel, der Doktor des Lächelns, als CDU-Spitzenkandidat nominiert wurde.

Die Post will jetzt an die gute alte Zeit erinnern, als man sich Herzlichkeiten noch schriftlich gegeben hat. Und weil sich mit dem Briefmonopol noch immer ein schöner Batzen Geld verdienen lässt, hat sie die kommenden Monate zum "Sommer der Liebesbriefe" ausgerufen. Damit die Aktion richtig sympathisch und künstlerisch gehaltvoll rüberkommt, hat die Post den Aktionskünster HA Schult engagiert, und der hat sich was ausgedacht. Alle, die noch schreiben können, sollen versuchen, ihre Gefühle für geliebte Menschen oder Dinge in Worte zu kleiden. Unsere Herzensbotschaften sollen wir aber nicht an unsere Liebsten, sondern direkt an die Post nach Bonn schicken. Offenbar lechzen die Postler dort nach Zeugnissen unserer Zuneigung. Aus 5000 bis 10 000 der "schönsten und aufregendsten" Liebesbriefe will HA Schult dann ein "Denkmal" der Zuneigung und Liebe machen, indem er die schöne Fassade des historischen Postfuhramts in Mitte mit den Botschaften beklebt. Wenn HA Schult das tut, kann er sich schon mal auf Herzlichkeiten gefasst machen. Aber mit Schnauze.

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