Berlin : Von Tag zu Tag: Absturz

Annette Kögel

In dieser Stadt kann man sich vielerorts auf Zeitreise begeben. Im Martin-Gropius-Bau werden die Besucher flugs in die 60er Jahre gebeamt - die Schau "Early Works" zeigt, dass Christo und Jeanne-Claude schon vor Jahrzehnten alles verhüllten, was ihnen in die Finger kam. Andy Warhol führt einen in der Nationalgalerie zurück in die Fünfziger - aber noch fixer geht das alles in der Amerika-Gedenk-Bibliothek. Hier wird man innerhalb von Sekunden um Jahrzehnte zurückgeworfen.

Tut uns leid, da kann man nichts machen: totaler Systemausfall. Nichts geht mehr, obwohl das ganze Buchungssystem doch gerade erst - wie das im Computerdeutsch wohl heißt - upgedatet wurde. Aber jetzt ist Schluss, Aus, Ende der Durchsage. Die Mitarbeiter verzweifelt, die Kundschaft genervt. Verlängern? Ausleihen? Alles nicht möglich. Das einzige, was klappt, ist zurückgeben. Also mit den Büchern, CDs und Videos zwischen den Knien und dem Benutzerausweis zwischen den Zähnen ran an die Theke: Bitte füllen Sie das Altpapierzettelchen mit dem guten alten Bleistift selbst aus, damit wir wissen, was wieder zurück in die Regale kommt. Alle Räder stehen still, wenn die Software es so will.

Die rot-roten Koalitionspartner in spe haben also ihre guten Gründe dafür, dass sie die Papiere für die Verhandlungen trotz Notebook-Zeitalters in dicken fetten Aktenordnern mitschleppen. Aber in der Politik braucht es ja auch keinen Computer-Gau, um ein fast schon eingetütetes Vorhaben so richtig abstürzen zu lassen.

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