Von Tag zu Tag : Alle so frei

Werner van Bebber erinnert an ein stilkritisches Wort Thilo Sarrazins.

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Thilo Sarrazin hat, das wird oft vergessen, nicht bloß die Integrationspolitik auseinandergenommen. Auch in Modedingen redete er mit, kaum war er in den Senat eingerückt. Ihn störte die Neigung des Berliners zum „Trainingsanzug“ als vollwertig-alltagstauglichem Kleidungsstück. Was Sarrazin 2002 als Zeichen des Verfalls bewertete, war womöglich eher Avantgarde. Der Trend zur Lässigkeit hat zehn Jahre nach seiner zeitkritischen Bemerkung den Senat und das Abgeordnetenhaus ergriffen. Während der Regierende und sein Bürgermeister zur Feier ihrer ersten hundert Tage krawattenfrei in die Öffentlichkeit treten, hat sich das dunkelblau uniformierte Wach- und Dienstpersonal im Abgeordnetenhaus längst an die Kapuzenjacke als Dienstkleidung des Volksvertreters gewöhnt. Der Linke Klaus Lederer dürfte zu den ersten gehört haben, die, in Streetwear gekleidet, Politik für Trainingsanzugträger und andere machten. Mit den Piraten wurde der Kapuzenpulli zum Normalfall. Dagegen ist wohl nichts zu sagen in der Stadt der ausdifferenzierten Lebensstile. Zu hoffen bleibt bloß, dass die Krawattenfreiheit im Sommer nicht direkt zur kurzen Hose führt. Seite 12

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