Berlin : Von Tag zu Tag: Allemal besoffen

Bernd Matthies

Das war das alte Berlin. Die Flasche kurz, breitschultrig, gedrungen, der Inhalt auch. Auf dem Etikett ein angeheiterter Ratsherr beim Maßkrugstemmen - man sah den Dunst der Molleundkorn-Eckkneipe richtig vor sich. Dieses Bild ist mit dem Namen "Schultheiss" so eng verbunden, dass mancher vom "Schultheiss-Berliner" redet, wenn er jenen Zeitgenossen meint, der von der Krawall-Zeitung nur die Überschriften liest, in karierten Schlappen zu Hertas Zwitscherstübchen schlurft und anschließend zu Hause mit dem Nudelholz empfangen wird. Aber gibt es den überhaupt noch?

Auf der anderen Seite steht die schlanke sog. Premium-Flasche mit Goldhals - dem modernen Menschen viel angemessener. Er sucht nicht Trunk, sondern Genuss, geht im flotten Bistro zusammen mit Marcel Reif die Torchancen durch und lässt sich oben im Friesischen auch gern mal befreit in den Sand plumpsen. Mit Schultheiss hat er nichts am Hut, und deshalb mussten wir in den letzten Tagen ein klein wenig um die Marke bangen. Unser Schultheiss! Bleibt mit knapper Not eine Berliner Marke.

Und darin liegt eine gefährliche Schmach für den Westen der Stadt, die unsere Landowskys alarmieren sollte, Ost-West-Sprengstoff! Denn mit dem Berliner Pilsner, Eigentum desselben Konzerns, geht es aufwärts. Diese Marke wurde bekanntlich mit Hilfe der unsinkbar krächzenden Puhdys gutgutgut auf Neue-Länder-Kurs getrimmt. Dort, so zeigt sich also, hält man zu Berlin, während die alte Bundesrepublik im Premium-Fieber vergisst, was ihre Existenz begründen half ... Nun ja: Am Ende ist man allemal besoffen, so oder so.

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