Berlin : Von Tag zu Tag: Alte Yuppies

Amory Burchard

Yuppies sind karrierebewusste, gewandte, gepflegte und sportliche junge Menschen, sagt der Duden. Es ist nicht leicht, sie für die Politik zu gewinnen, klagen die Parteien. In der Wirtschaft oder in Anwaltskanzleien können sie viel mehr Geld verdienen. Die Grünen sind die Partei, die sich ihre Yuppies selbst ausbrütet. So lange das auch dauern mag. Als Joschka Fischer bei den Grünen anfing, hätte er den Kieler Sponti-Spruch von "Werner" Brösel unterschrieben: "Popper überfährt man mit dem Chopper." Popper waren die zukünftigen Jura-Studenten Anfang 80er Jahre, die ein Lacoste-Hemd und gescheiteltes Haar mit weicher Stirntolle trugen. Ökos im Selbstgestrickten und Punks im Selbstzerrissenen verachteten sie so, wie sie zehn Jahre später die Yuppies schon nicht mehr verachteten. Sie wollten selber welche werden. Heute trägt Fischer feine Wollpolohemden unter der Anzugjacke - wenn er sich mal salopp geben will. Er ist karrierebewusst, gewandt und sportlich und hat sich von seiner Sponti-Vergangenheit distanziert, nur ist er nicht mehr ganz so jung. Das Nachwuchsproblem! Und da setzt sich die designierte Grünen-Chefin Claudia Roth auf den Chopper. Gestern stellte sie sich bei der Berliner Landesdelegierten-Konferenz vor - und erinnerte die ehemalige Ökopartei an die "soziale Frage". Die Grünen seien "keine Yuppie-Partei". Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer, die ebenfalls gestern bei den Berliner Grünen vorsprach, streifte schon mal geistig den Selbstgestrickten über. Bloß nicht zu geknickt über den Misserfolg sein, man muss auch verlieren können. Der Rücktritt vom Ministeramt sei ihr erster gewesen: "Ich bin noch dabei zu üben."

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