Berlin : Von Tag zu Tag: Aufbau Ost

Christian van Lessen

Was für ein Trubel vor dem Gewirr von Gerüsten, was für eine Sprachenvielfalt! Tausende starren täglich die fast schon 30 Meter hinauf. Sie starren durch das stählerne Geäst, um zu ergründen, was dahinter entsteht. Sie filmen und fotografieren das dichte Korsett, das selbst schon ein Kunstwerk geworden ist. Sie bewundern die Bauarbeiter, die vor internationalem Publikum stolz und fast gemächlich hinauf- und hinabsteigen, und hinter den Gerüsten den Bau unmerklich und still in die Höhe treiben.

Der Info-Pavillon neben der Baustelle ist zeitweise fast überlaufen. Was hinter den Gerüsten entsteht, wird hier geschickt vermarktet. Die Uhren mit dem Baustellen-Motiv sind äußerst gefragt. Es gibt T-Shirts, Münzen, Puzzles, Anhänger, Tücher, Handys, Goldbarren und selbst Aktentaschen, Keramik-Modelle, Kerzen und Kataloge sowieso. Wer kauft, spendet für das Bauwerk.

In den Restaurants und Cafés am Fuße der Gerüste sind die Fensterplätze äußerst beliebt. Da werden Hälse gereckt und Ansichtskarten geschrieben, und immer wieder schauen die Leute auf die berühmte Nachbarschaft, als ob sich ständig was verändern müsste und sie was versäumten.

Es gibt Berliner, die werden beim Anblick der Baustelle nachdenklich. Sie wären keine Lokalpatrioten, wenn sie sich einen Trubel dieser Art nicht auch rund 170 Kilometer weiter nördlich wünschten: Eine weltberühmte Attraktion, aus Geldern finanziert, die den Spendern selbst was bringt und der Stadt viele Touristen beschert.

Träumt da wieder jemand vom Schloss, ohne das feierliche Votum der Schlossplatz-Kommission abzuwarten? Vielleicht. Gerade jetzt sind viele Leute auf Reisen. Und sie kommen immer wieder ins Grübeln und Träumen, wenn sie ans heimische Berlin denken. Beispielsweise hier, vorm Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden.

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