Berlin : Von Tag Zu Tag: Badespaß

Ulrich Zawatka-Gerlach

Nackt unter der Dusche sind die Menschen alle gleich. Man nimmt dann nur noch die kleinen Unterschiede wahr. Zwischen Männlein und Weiblein, zwischen Dick- und Dünnbäuchigen, Kalt- und Warmduschern. Gleichmäßig strömt in der Badeanstalt das Wasser auf alle herab. In der Badeanstalt?! Ja, in der Badeanstalt. Früher, als die Quote der Feuchtraumbesitzer niedriger war als heute die Quote der Einkommensmillionäre, benötigte man öffentliche Anstalten zur Wahrung der Volkshygiene. Kräftige Frauen in weißen Kittelschürzen ließen für die Schmutzfinken das Wasser in mächtige Emaille-Badewannen ein, denen sie als Prachtfinken wieder entstiegen.

Ein eng gespanntes Netz aus Seifenschaum überspannte die Stadt. Die wohnortnahe Versorgung mit Badewasser wurde zur staatlichen Kernaufgabe. Inzwischen aber wollen alle nur noch ihren Spaß: Plantschen, rutschen, kraulen, springen. Gegrillt werden im Solarium oder wahlweise gedünstet in der Sauna. Dynamische, junge Führungskräfte pflügen tiefe Furchen in das Wasser, um den Körper für die New-Economy zu stählen. Familien breiten das Picknicktuch auf den weißen Fliesen aus. Bunte Bälle fliegen durch die feuchte Luft. Musik erklingt zum Kurs für Wassergymnastik. Der staatlich geprüfte Bademeister, der einst für Sicherheit und Ordnung in der Anstalt Sorge trug, hat ausgedient. Er wird jetzt zum Organisator heiterer Wasserspiele in Public-Privat-Partnership fortgebildet.

Auch der Senat hat die Trendwende erkannt und reformierte das Bade-Anstaltsgesetz, das weiterhin Bade-Anstaltsgesetz heißt, denn nur wer seine Geschichte bewahrt, hat eine Zukunft. Mit unternehmerischem Spielraum, deregulierten Wasserrutschen und anstaltseigenen Grundstücken, auf die sich die risikofreudigen Bademanager der Zukunft hoch verschulden können. Denn der Spaß hat seinen Preis und Berlin kein Geld. Aber duschen Sie ruhig weiter; nur nicht zu heiß und bitte nicht so lange.

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