Berlin : Von Tag zu Tag: Ballwechsel

Andreas Conrad

Mens sana in corpore sano. In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist. Schon den alten Römern war das geläufig. Die noch immer sich dahinwälzende Fitness-Welle ist also gar nicht so modisch und hipp, wie mancher sich vorgaukelt, der im durchgeschwitzten Muscle-Shirt dem Körperkult frönt und daraus Beglückung erhofft. Daher war auch Herbert Grönemeyer keineswegs originell, vielmehr ein Epigone altrömischer Weisheit, als er bei seiner "Berliner Lektion" im Renaissancetheater über den Zusammenhang von geistiger Situation und sportlicher Leistungskraft sinnierte. Konkret ging es um Fußball. Deutschen Fußball. Derzeit ein trauriges Kapitel, man muss ja schon dankbar sein, dass Deutschland bei der nächsten Weltmeisterschaft überhaupt mitmachen darf. Für Grönemeyer eigentlich logisch: Die Zeiten sind nun mal so. 1954, in Bern, da herrschte das Gefühl: Wir sind wieder wer. 1974 schon wieder Aufbruchsstimmung, diesmal dank Willy Brandt. Schließlich 1990: Wieder Euphorie, Neubeginn. Und heute? Ein hübscher Gedanke, jedenfalls auf den ersten Blick ... Gesellschaftlicher Aufbruch fördere also sportlichen Erfolg. Wenn das aber stimmt, wäre der Preis für Medaillen und Pokale nicht verdammt hoch? Dem Aufbruch ging schließlich ein tiefes Loch voraus: 1954 - Krieg verloren; 1974 - den Muff der Großen Koalition ertragen; 1990 - Mauer und Kalten Krieg durchlitten. Was also empfiehlt sich für die nächste Weltmeisterschaft? Irgendwann muss sie ja kommen. Ein neuer Krieg? Flugzeuge im Bauch? Eine neue Grönemeyer-CD? Vielleicht bleibt alles Leid auch vergebens. Denn woher sie nehmen, diese wundersame Ingredienz einer Weltmeisterschaft: "ein Netzer, der mal Pässe über 40 Meter schlagen kann".

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