Berlin : Von Tag zu Tag: Beim Auge des Löwen

Andreas Conrad

Viele fragen sich jetzt, wie Afghanistan zu helfen sei. Den Menschen besonders, aber auch den Tieren. Dem Löwen Marjon im Zoo von Kabul beispielsweise, einer arg gebeutelten Kreatur. Nicht genug, dass er von amüsierlustigem Publikum gerne ein wenig mit Steinen traktiert wurde und mehrere Raketenangriffe zu überstehen hatte. Sogar mit einer Handgranate wurde er Anfang der 90er Jahre attackiert, verlor dabei ein Auge. Nach archaischem Rechtsverständnis war das nur gerecht, eine Variation des Prinzips "Auge um Auge, Zahn um Zahn": Tags zuvor hatte Marjon dem Bruder des Handgranatenwerfers einen Arm abgebissen, was den Turbankrieger verständlicherweise erboste.

Andere Länder, andere Sitten, mag mancher denken, aber damit ist die Angelegenheit nicht erledigt. Marjon soll es künftig besser gehen, jeder Zivilisierte wird dem zustimmen: Keine Steine, keine Raketen, keine Handgranaten. Dass sich jedoch laut einer dpa-Meldung ausgerechnet der britische Labour-Abgeordnete Tony Banks für den einäugigen König der Tiere stark macht und seine Regierung bedrängt, Special Forces des Veterinärswesens nach Kabul zu entsenden, können wir schon aus Gründen der nationalen Ehre nicht hinnehmen. Vor Jahrzehnten war der Löwe ein Geschenk der deutschen Regierung an den früheren König Afghanistans, Sahir Schah. Das verpflichtet und gibt uns gleichzeitig die Möglichkeit, durch Aufpäppeln Marjons außenpolitisch Stellung zu beziehen. Als Asyl schlagen wir den Löwenfelsen unseres hauptstädtischen Zoos vor. Man könnte ihn dazu umbenennen. In Petersberg.

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