Berlin : Von Tag zu Tag: Big Ben

Stephan Wiehler

Wir schreiben das Jahr 2004. Der Ballermann-Sender RTL 2 sendet aus seinem Hauptstadtstudio in der Oranienstraße. Im Edelclub SO 36 räkelt sich Party-Luder Ariane Sommer für die Promis im Champagnerbad. Die jungen Bosse aus Werbe- und Web-Branche reißen sich um die Etagen in den neuen Kottbusser Höfen, unten an der Ecke hat das Café Einstein eine Filiale eröffnet. Ben Becker hat die Schnauze voll vom Kiez, will nur noch weg, weil "Kreuzberg nervt", sagt er. Zu abgelutscht, zu glatt, zu szenig. Und überhaupt, Mariendorf ist eh viel cooler. Det is Berlin.

Dabei hatte mit Big Ben, dem großen Urberliner von Beruf, doch alles angefangen. Im Sommer 2001 war das. Da war Ben satt von Mitte. "Das ist Telekom-Berlin", fand er. "Da laufen zu viele schwarze Laptops durch die Gegend", und außerdem glotzen ihn ständig Leute an, nur weil er der berühmte Ben Becker ist. "Das kann beim Milchholen ganz schön anstrengend sein."

Becker wollte nur noch weg aus diesem "Düsseldorf-Ding", wie er das nannte, und suchte sich eine Wohnung in Kreuzberg, in der trendfreien Zone mit der guten alten Szene. Doch bevor er umzog, machte er Stimmung gegen die Laptop-Mittis: als prominenter Unterstützer der Kampagne "Mitte sucks" (Mitte nervt). Und plötzlich fiel es tausenden Neuberlinern rund um den Hackeschen Markt wie Koks aus der Nase: total ätzend hier - und sie folgten Ben, dem Trompeter, in den gelobten Ortsteil, der Erlösung versprach aus dem Fegefeuer der Eitelkeiten. In Kreuzberg zogen die Mieten an. Punks und türkische Großfamilien wohnen heute billiger - in den ausgebauten Dachgeschossen der Spandauer Vorstadt.

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