Berlin : Von Tag zu Tag: Birnebaumeln

Christian van Lessen

Abriss hat keinen guten Klang. Hört sich nach roher Gewalt an. Bevor es einem Bauwerk ans Gemäuer geht, spricht man von der Abrissbirne, die drohend wie ein Damoklesschwert über dem Haus hängt. Und wenn dann wirklich die Birne baumelt und alles kurzerhand in Schutt und Staub verwandelt, erinnern sich die Älteren an den Krieg und die Bomben. Deshalb klang auch das Wort Aufbau so gut nach 45.

Abriss war jahrzehntelang nur anerkannt, wenn es um die Beseitigung von Ruinen oder miesester Wohnverhältnisse ging. Die Flächensanierung der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre legte in beiden Teilen der Stadt ganze Altbauviertel flach, was man damals Achsel zuckend als Preis der Moderne zur Kenntnis nahm, längst aber mit nostalgischer Trauer in Erinnerung ruft.

Es macht traurig, sieht man Häuser, die dem Abriss geweiht sind und die jahrzehntelang zum gewohnten Stadtbild gehörten. Wie jetzt einstige Bewag-Bürogebäude neben dem denkmalgeschützten Shell-Haus am Landwehrkanal und fast direkt am Kulturforum. Moderne Nachkriegsbauten, mit denen man nichts mehr anzufangen glaubt.

Wenn es dem Palast der Republik wirklich an den Kragen geht, wenn irgendwann auch die Deutschlandhalle im Staub versinken mag, wenn allen Versicherungen zum Trotz erste Berliner Plattenbauwohnungen auf der Abrissliste stehen, wird die Trauer noch größer sein. Die Info-Box dürfte uns schon in wenigen Wochen zu Tränen rühren.

Es fällt eben schwer, sich mit dem Abriss von Bauten abzufinden, die voll funktionsfähig sind, die aber offenbar niemand mehr wirklich braucht. Über die erst dann alle weinen, wenn sie unwiderruflich weg sind.

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