Berlin : Von Tag zu Tag: Chef-Etage

Christian Van Lessen

Noch zwei Tage, dann wird das Land endlich wieder ordentlich regiert. Ist doch kein Zustand, seit Freitag! Seit Umgezogen wird und der Kanzler keinen festen Arbeitsplatz mehr hat. Sozusagen aus dem Koffer regiert, irgendwo von unterwegs, möglicherweise im verloren herumkurvenden Dienstwagen vereinsamt. Während die engeren Mitarbeiter mit Aktenkartons beschäftigt sind, Anrufe ins Leere gehen, die Post sich zu Bergen stapelt und der Dienstweg vermutlich ein einziger Dschungelpfad ist. Wie gut, dass in diesen Tagen keine großen staatspolitischen Entscheidungen zu treffen sind.

Am Mittwoch aber, kurz nach neun Uhr, übernimmt Gerhard Schröder, der nun schon zum zweitenmal als Kanzler umziehen muss, feierlich die Schlüssel für sein neues Haus.

Frühestens um elf Uhr wird er sich dann an den Schreibtisch im siebenten Stock setzen, tief Luft holen, und mit dem Regieren im Spreebogen anfangen.

Aber vermutlich ist das in den ersten Stunden gar nicht so einfach. Vieles könnte ihn ablenken: Die schöne Aussicht auf den Reichstag und den Tiergarten, der leicht stechende Geruch nach Farbe und Lack; die Bauarbeiter, die noch etliche Zeit mitregieren werden, weil das Haus noch nicht ganz fertig ist und der Termin am Mittwoch nur unter großem Zeitdruck zu halten war.

Noch fremdelt Schröder mit seiner Chef-Etage. Aber schnell wird er wohl zu schät-zen wissen, wie hell und originell das Gebäude im Inneren wirkt. Vielleicht ist er in einiger Zeit sogar - ganz insgeheim - seinem Vorgänger für den Entwurf dankbar.

Zunächst aber dürfte sich der Kanzler freuen, dass er endlich wieder einen eigenen Schreibtisch hat.

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