Berlin : Von Tag zu Tag: Christkindl-Terror

Stephan Wiehler

Es blinkt und blitzt allerorten dieser Tage, Lichterketten schmücken die Straßen, überall sind wir von Engeln umzingelt, von weißbärtigen Männern in roter Kluft umgeben, die uns mit ihren Glöckchen läuten, aus den Schaufenstern lachen uns die adventarisch beleuchteten Gaben an. Die besinnliche Zeit vor dem Fest ist grell ausgeleuchtet: Spot an für den Weihnachtsmann.

Es gibt kein Entrinnen, egal wohin wir kommen, steht schon das Christkind vor der Tür. Auch Autofahrer sollen um die frohe Botschaft in den nächsten Wochen nicht mehr herumkommen, jedenfalls diejenigen, die bei Shell tanken. In Zusammenarbeit mit der katholischen Medienarbeit will der Mineralölkonzern ab 4. Dezember elektronische Adventskränze über die Bildschirme neben Tankstellenkassen flimmern lassen. Zwischen Verkehrsnachrichten, Wettervorhersagen, Sportinformationen und Werbung sollen zum flackernden Kerzenlicht besinnliche Sprüchlein erscheinen, wie etwa "Nicht jeder Engel trägt seine Flügel sichtbar" oder "Der Stern von Bethlehem ist kein Zimtstern". Wenn einem das nicht zu denken gibt. Auftanken mit Jesus.

Vor dem allgegenwärtigen Christkindl-Terror flüchtete eine Kollegin vor Jahren zwei Tage vor dem Fest zum Amtsgericht, um aus der Kirche auszutreten. Im Internet bietet eine Firma zurzeit Geschenkgutscheine für Versicherungen an. Besonders beliebt, so die Anbieter, sei die Versicherung gegen Entführung durch Außerirdische. Eine Police gegen die Belästigung durch Weihnachtsengel gehört leider nicht zum Angebot.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben