Berlin : Von Tag zu Tag: Das rechte Gleis

Ekkehard Schwerk

Ein Dreikäsehoch, so ungefähr vier Jahre alt, kam abhanden. Jedenfalls war er mutterseelenallein in der vollen U-Bahn der Linie 9 Richtung Osloer Straße den Fahrgästen aufgefallen. Er wimmerte ein wenig, ohne dass sein kleines Klagen von einer für ihn zuständigen Stelle erhört wurde. Man schritt zur Tat. Am Bahnhof Turmstraße wurde der Zugfahrer gebeten, sich dieses Knirpses anzunehmen.

Er rief von der Rufsäule seine Leitstelle an. Eine Frau und ein Mann hielten derweil den kleinen Jungen an den Händen, der inzwischen nicht mehr wimmerte, sondern recht interessiert das Geschehen um seinetwillen beobachtete. Bei solchen und ähnlichen Situationen kannst du mal hören, wie viele ungefragte Meinungen aus der sich zusammenfindenden Menge zur lauten Geltung drängen. Schuldfragen wurden in Abwesenheit der Beschuldigten beantwortet und drastische Sanktionen standrechtlich gefordert, solche aus dem ungeschriebenen Strafgesetzbuch der Plebs.

Der Zugführer gab nicht nur telefonisch seiner Leitstelle den Sachverhalt bekannt und seine Abhilfe kund, sondern so laut, dass die umstehende Menge alles genau mithören konnte. Jetzt war er nämlich aus seinem einsamen Wirkungskreis an der Spitze des Zuges herausgetreten und herausgefordert zu einer selteneren Tätigkeit abseits der eingefahrenen Gleise. Er werde das Kind im Führerstand bis zur Endhaltestelle mitfahren lassen, dann dort den Jungen jenen, denen er im Gedränge abhanden gekommen war, übergeben. "Und nu komm, darfst bei mir vorne einsteigen." Da strahlte der Knirps. Und es dürfte noch für eine ganz lange Kinderzeit sein sehnlichster Wunsch sein, auch Zugführer zu werden. Denn er hatte ja nun Erfahrung.

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