Von Tag zu Tag : Der Asylant im Haus

Auch beim Smalltalk über das Dauerthema dieser Wochen kann man etwas lernen: zum Beispiel, wie unordentlich das Leben ist.

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Warum ist es so gut, nach Deutschland fliehen? Die Ordnung im Staate ist attraktiv, wenn sie funktioniert, und sie nervt zugleich.
Warum ist es so gut, nach Deutschland fliehen? Die Ordnung im Staate ist attraktiv, wenn sie funktioniert, und sie nervt zugleich.Foto: Thilo Rückeis

Viele Partys ähneln einander, jeder Flüchtling ist anders. Theoretisch gilt sogar jeder Mensch als Individuum, in der Praxis scheint das schwieriger. Bei Partygesprächen ist das Flüchtlingsthema derzeit kaum zu vermeiden. Da begegnen Meinungen vom grünen (Stamm-)Tisch Erfahrungen von der Alltagsbasis, die aber schwer hochzurechnen wären.

Ein Wilmersdorfer Lehrerpaar, die Kinder sind aus dem Haus, beherbergt seit Monaten einen 21-jährigen Afghanen. Die Eheleute berichten völlig unkokett davon. Wer mit dem Weinglas in der Hand daneben sitzt und auf diesem Feld nichts beizutragen hat, spitzt die Ohren für das Szenario der Widersprüche. Die bestehen darin, dass hier – jenseits von Moralisieren und Polemik – Positives mit Negativem einhergeht, die Bestätigung mit der Widerlegung von Vorurteilen. Das Gute, von dem wir hören, betrifft auch die Behörden: Der junge Mann hat nach seiner Ankunft gleich den Asylantrag stellen können. Es betrifft vor allem ihn selbst: Er ist zuverlässig, hilfsbereit, bescheiden, kann sich über kleine Dinge lange freuen, führt Aufträge gewissenhaft aus, gibt seine Deutschkenntnisse regelmäßig an Kinder in einer Flüchtlingsunterkunft weiter.

Ein Bilderbuchflüchtling? Hinzu kommen Irritationen und Sorgen der Herbergseltern. „Was macht er den ganzen Tag?“, fragen die Zuhörer. Die Antworten sind ein bisschen wie Nachrichten aus dem Zoo oder: aus einem anderen Land. Fitness, sagt der Herbergsvater, ich habe ihn angemeldet, er bezahlt den Vertrag. Er surft mit seinem Laptop. Liest schon mal Kinderbücher. Er ist sehr langsam, sagt die Herbergsmutter, in einem Job kann man sich ihn kaum vorstellen. Er möchte Arzt werden, ist klug, aber ungebildet, wegen der Taliban nur vier Jahre zur Schule gegangen. Hat die Erschießung seines Bruders, seiner Wohltäter, die Zerstörung aller Kultureinrichtungen seines Städtchens mitangesehen. Bildung, sagt der Herbergsvater, hat doch immer mit Geschichte zu tun, mit der Vorstellung, dass es bei uns oder sonst wo einmal anders war als jetzt. Diese Dimension versteht ihr Gast trotz solcher schrecklichen Erlebnisse nicht.

Die Konfrontation der Zivilisationen und ihrer konträren Geschwindigkeiten vollzieht sich im familiären Asyl glimpflich. „Vertraut ihr ihm?“, fragen die Außenstehenden. Seine Fluchtstory via Iran wurde nicht infrage gestellt, einen Pass hat er nicht. Als der Herbergsvater im Lageso anrief, ob sein Gast wieder früh um vier anstehen müsse, um sein Geld abzuholen, nannte er zur Identifizierung auch den Geburtstag, 1.1., und erfuhr, wie verbreitet dieses Datum ist. Wer sein Wiegenfest nicht kennt, weil er es nie feierte und keine Papiere hatte, der nimmt sich oder bekommt die simpelste Zahl. Die Herbergseltern empören sich über das Warteelend beim Amt, aber sie sagen, manches werde besser, inzwischen kriegt er sein Geld aufs Konto – und dass jede der Bestimmungen, die sich da so gemein verheddern, einzeln Sinn habe; dass es eben, genau besehen, auch die Ordnung im Staatswesen sei, wegen der die Flüchtlinge nach Deutschland wollen!

Niemand erwartet beim Party-Talk einfache Antworten. Gut, dass wir drüber gesprochen haben.

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