Berlin : Von Tag zu Tag: Der XXL-Ärmel

Andreas Conrad

Zu den nie ganz zu klärenden Problemen männlicher Bekleidung gehört die Länge, die ein Jackettärmel tunlichst zu haben hat. Eine modischem Wandel unterworfene Frage, ist doch etwa die Neigung früherer Generationen, den Konfirmandenanzug an den Extremitäten knapp zu bemessen und zum Ausgleich die Hemdärmel, womöglich mit Manschettenknöpfen, hervorragen zu lassen, längst passé. Ob Tom Cruise bei seinem Berlin-Auftritt mobile Knöpfe benutzte, wird immer sein Geheimnis bleiben: Die Hemdärmel blieben unsichtbar. Der Besuch dürfte dennoch langfristige Folgen haben, modisch wie wirtschaftlich. Die allgemein akzeptierte Regel nämlich, die untere Jackettärmelkante quer über dem Mittelhandknochen verlaufen zu lassen, wurde von ihm aufs Dekorativste ignoriert. Die Grenze zwischen Stoff und Haut war erdwärts verschoben, lag je nach Arm- und Handbewegung knapp über oder unter dem mittleren Fingergelenk. Mehrere Erklärungen sind denkbar: 1) Cruise, nicht gerade ein Riese, hofft noch immer darauf, zu wachsen. 2) Cruise muss wegen seiner Frauen aufs Geld achten und hat sich beim letzten Schlussverkauf vergriffen. 3) Cruise fürchtete klamme Finger, schreckte aber vor Handschuhen zurück. 4) Cruise hatte eine Absprache mit der hiesigen Textilhandelsbranche. Wie auch immer, der Grund für den Trend zum XXL-Ärmel ist gelegt, was die Bekleidungbranche freuen sollte. Eine verkappte Euro-Preiserhöhung könnte so kaschiert und Kundeneinwänden leicht begegnet werden: "Schauen Sie sich mal die Ärmel an!"

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