Berlin : Von Tag zu Tag: Ein Platzangebot

Ekkehard Schwerk

Es gibt Begleitumstände in einem Alltag, die ungewöhnlich - um einstweilen "unverhofft" zu vermeiden - und demzufolge es wert sind, registriert zu werden. Ein junger Mensch bietet einem älteren in der vollen U-Bahn seinen Platz an. Der junge Mann war schätzungsweise 23 und ganz normal aussehend, der ältere 62. Es standen noch ältere, saßen noch jüngere im Wagen als unsere beiden Generationsvertreter. Der 62jähriger trägt übrigens kein äußeres Merkmal von Hinfälligkeit, steht auch noch im Berufsleben und ließ den freundlichen Anerbieter sitzen, verriet aber seine Irritation mit einem blödsinnigen "Umgotteswillen, nein danke".

Dann verfiel er ins Nachdenken, eigentlich mehr ins Grübeln darüber, was schwerer wiegt: die ihm erwiesene Freundlichkeit oder die ihm so zur Kenntnis gebrachte Tatsache, in jungen Augen alt zu sein. Für diese Abwägung brauchte er mehr als eine stehend zugebrachte U-Bahnfahrt, musste sich erst schreibend schlüssig werden. Zunächst lag das Alter schwerer auf seiner Seele; denn er ist ein Kind dieser Zeit. Dann aber erschien ihm das unverhoffte Platzangebot als derzeit zwar ungewöhnlich, doch immerhin als eine derart erwiesene Möglichkeit fürs kommende Alter.

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