Berlin : Von Tag zu Tag: Ein tapferes Wort

Bernd Matthies

Zu den beliebtesten Übungen deutscher Stammtischpräsidenten gehört es, den Müßiggang der Volksvertreter-Sippschaft zu geißeln. "Von unseren Steuergeldern schmarotzen", heißt es beispielsweise, "jeden Tag drei Stunden Mittag essen, und dann noch nicht mal dabei sein in der Sitzung!" Kann ja jeder im Fernsehen nachprüfen, nicht wahr?

Da wackelt die Kneipenwand, und wenn der Abgeordnete mal selbst zu Wort kommt, dann mit seiner Standardentgegnung: Die eigentliche Arbeit finde nun mal in den Ausschüssen statt oder im Büro, während die Plenarsitzung doch mehr was fürs Auge sei. Ja, eben, entgegnen ganz Schlaue, und während der Berliner Plenarsitzungen gebe es doch überhaupt keine Ausschüsse? Der Abgeordnete antwortet, ja schon, aber dafür sehr wichtige Sprecherrunden. Und wenn er guter Laune ist, räumt er gern auch ein, dass es nichts Langweiligeres gebe als die Debatte zur Novellierung der 2. Rechtsverordnung zur Rechtsstellung der bezirklichen Frauenbeauftragten ...

Aber das hilft alles nichts. Kaum ist wieder Sitzung, zeigt das Fernsehen die leeren Reihen, und alles geht von vorn los. Reinhard Führer, der Präsident des Abgeordnetenhauses, hat deshalb jetzt angeordnet, dass die beliebten Sprecherrunden, in denen die Ausschusssitzungen vorbereitet werden, nicht mehr parallel zur Plenarsitzung tagen dürfen. Ein Manneswort. Tapfer - und völlig nutzlos. Denn der clevere Volksvertreter hat auch so genug zu tun, Besprechungen, Fernsehtermine, Hintergrundgespräche.

Wetten? Das Plenum bleibt so leer, wie es war. Und nur, wenn plötzlich abgestimmt wird, sind alle wieder da. Schließlich sind es nur ein paar Schritte bis in die Kantine.

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