Berlin : Von Tag zu Tag: Ein Zwischenfall

Ekkehard Schwerk

In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche kam es gestern bei der Trauerfeier für Hildegard Knef zu einem Zwischenfall. Ein Mann pöbelte lautstark den Regierenden Bürgermeister Wowereit seiner Homosexualität wegen an. Der Störenfried flog raus. Sogleich kommt einem ein schon 35 Jahre zurückliegender Zwischenfall in der Gedächtniskirche in Erinnerung. Auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte wurde ein Weihnachtsgottesdienst durch Studenten - vorneweg Rudi Dutschke - heimgesucht, um die stockkonservative Gemeinde aufzurütteln. Ein Mann hieb mit seiner Krücke auf Dutschke heftig ein. Die mürb-protestantische Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Frömmigkeit hatte in dem Krückenmann einen Kämpfer gefunden. Zwei Vorfälle in der Gedächtniskirche. "Eins und eins, das macht zwei..."

Die Knef hat ja nicht nur von regnenden roten Rosen gesungen, auch wenn dieses Lied in diesen Tagen des Abschieds von ihr zum Schlager geschunden wurde. Auch Wowereit verhieß in der Gedächtniskirche, dass es für Hildegard Knef immer rot-rote Rosen regnen werde und legte medienwirksam einen Stengel auf den Sarg. Da war der schimpfschandige Pöbeler bereits exmittiert. Wenn je ein Kultfilm über die Knef hergestellt werden sollte, dann sollte das Drehbuch folgendes enthalten: Der Pöbler pöbelt mit erhobener Bibel. Die Versammelten indes stimmen mit einfallendem Orgelgebrause die vierte Strophe von "Eins und eins, das macht zwei" an: "Der Mensch an sich ist feige und schämt sich für sein Gefühl / Daß es nur keiner zeige, weil die Moral es so will / Doch wenn im Fall des Falles er sich im Dunkeln versteckt / Der liebe Gott sieht alles und hat dich längst entdeckt."

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