Von Tag zu Tag : Eine Torheit

Moritz Herrmann über die exzessive Souvenirisierung Berlins.

Moritz Herrmann

Das Brandenburger Tor gibt es jetzt auch als USB-Stick. Die produzierende Firma preist die Idee als neu und kreativ – und dass man die Quadriga herausziehen könne, sei ja wohl wirklich ein witziger Gag. Haha, diese humorigen Werber. Und dafür eine Woche in einem Badischen Konferenzhotel durchgetagt, angefeatured, gepowerpointed, sich immer wieder die hohe Fünf gegeben. Lachend treiben die Marketingmenschen die Souvenirisierung Berlins voran, keine historische Stätte ist mehr vor ihnen gefeit. Anfang der Woche war schon der Mauerfall zur kleinen Drückfigur geworden, die East Side Gallery wurde zur Zimmerdeko umgebaut. Aber während die Finalisten des städtischen Designwettbewerbs wenigstens zum Schmunzeln einluden, geht der USBerlinstick leider nur auf den Magen. Kaufen werden ihn nämlich, dessen darf man sich gewiss sein, Fanmeilengänger und Touristen.

Wer das Speichermedium aus der Notebooktasche holt, prahlend und prollend, will um jeden Preis als Wahlberliner oder Berlinbesucher erkannt werden. Koketterie im Kleinen: Der USB-Stick ist quasi das I-Love-Berlin-Shirt für den digitalen Menschen, für all jene, die es dezent mögen, aber auch nicht zu dezent. Die anderen sollen die Coolness, die man sich selbst attestiert, doch bitteschön bestätigen. „Oh, kultiger USB-Stick, du bist aus/warst in Berlin?“ – das will man schon hören, um dann ausschweifend von dem nächsten Start-up-Gedankenschloss zu erzählen und diesem wildem Projekt, das man vor Kurzem erst, rockstargleich natürlich, an die Wand gefahren hat.

Angesichts bevorstehender und schon zelebrierter Jubiläen – 200 Jahre Völkerschlacht (Napoleon! Quadriga!), bald ein Vierteljahrhundert Mauerfall – haben die Erdenker und Bewerber des Sticks alles richtig gemacht. Sie dürfen ihre unternehmerische Schläue beprosten, ihnen ist guter Absatz garantiert. Und: Der Wink für das nächste Projekt ist im Brandenburger Tor auch schon angelegt. Siegesgöttin Viktoria blickt stolz Richtung Stadtschloss. Irgendwann fertiggestellt, taugt das Monument ganz bestimmt als iPad-Hülle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben