Berlin : Von Tag zu Tag: Engel in der U-Bahn

Ulrich Zawatka-Gerlach

Weihnachtsengel sind unterwegs. Sie fahren U-Bahn. Einer der Engel wurde am Dienstagabend zwischen Bahnhof Zoo und Ernst-Reuter-Platz gesehen. Unterwegs in Richtung Ruhleben. Im gelben Wagen der Linie 2 saß ein Mann, die schwarze Aktentasche untergeklemmt, vertieft in ein Buch, auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Dann stiegen drei Uniformierte von der BVG ein und sagten, kaum war die Tür geschlossen, ihr Sprüchlein auf: "Guten Abend, die Fahrscheine, bitte!"

Der Mann wollte aus dem Portemonnaie die Monatskarte fischen, aber sie steckte nicht am gewohnten Platz im kleinen Seitenfach, und er fing an zu kramen und erinnerte sich: Die BVG-Karte lag zu Hause auf dem Tisch. Die Ehefrau hatte sie sich am Vorabend ausgeliehen, weil das Auto in der Werkstatt stand. Ach herrje, dachte er. Soll ich der Kontrolleurin tatsächlich diese Geschichte auftischen, die sie ganz sicher jeden Tag zehn Mal hört? Aber er fasste sich ein Herz und erzählte, wie es war. Sie hörte geduldig zu: "Na, schauen Sie mal richtig nach, vielleicht findet sich das gute Stück noch." Nein, es gab nichts zu finden, er wusste es genau und dachte schon an die 60 Mark und wie peinlich es ist, wenn man mit auf den Bahnsteig gehen muss.

Da blinkte es kurz auf in den Augen der Kontrolleurin, ein feines Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie tippte dem Mann kurz auf die Schulter und flüsterte: "Frohe Weihnacht." Rasch ging sie zur Tür und stieg mit den beiden Kollegen aus. Ernst-Reuter-Platz. "Einsteigen, bitte!" Der Mann saß still da und schaute immer noch zur Tür. Ein Weihnachtsengel war vorbeigegangen. Mitten in Berlin.

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