Berlin : Von Tag zu Tag: Entmottet

Gerd Nowakowski

Wo war Dr. Motte am Pfingstsonntag? In Kreuzberg? Dann hat er erleben können, wie zwischen Hermannplatz und Yorckstraße bei gelegentlichen Regenschauern und überraschend viel Sonne eine Stimmung herrschte, wie sie bei der Love Parade nicht besser sein könnte. Dafür aber war der Zug der über hundert Gruppen weitaus bunter, abwechslungsreicher und überraschender als die gleichförmig wummernden Techno-Trucks an der Siegessäule: Mit Gummihandschuhen bekleidete Kölner, in Berlin geborene Sambatänzerinnen, trommelschlagende Koreanerinnen, die schon nicht mehr koreanisch sprechen können, polnische Trachtenträger, die zu Satchmos "What a wonderful world" hüpften. Ein Vergnügen für Erwachsene - und für die Kinder.

Wetten, dass in einigen Jahren, wenn sich kaum noch jemand an die Love Parade erinnern kann, der Kulturen-Karneval eine der sommerlichen Attraktionen Berlins sein wird? Und dann mit weit über einer Million Zuschauern mit dem Notting Hill Carnival in London wetteifern wird um den Titel der farbigsten Metropole? Kein Streit um Müllgebühren, zertrampelte Grünanlagen und Gegendemonstrationen - was für ein Glück für die Stadt. Jetzt brauchen wir nur noch eines: Dass rund um den Karneval aufgehört wird mit dem bemühten Multi-Kulti-Gerede. Die Parade ist auch keine Veranstaltung für Gutmenschen; zum Zuschauen und Mittanzen aufgefordert sind ganz normale Berliner. Die gemeinsam mit den Akteuren ihren Spaß haben an einem bunten Berlin. Das ist schon eine ganze Menge.

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