Von Tag zu Tag : Erleuchtung

Christian van Lessen freut sich auf nächtliche Botschaften von oben

Christian van Lessen

Berolinum – orbi lumen, notierte sich der westfälische Pfarrer Johann Kayser bei einer Dienstreise nach Berlin. Es war nicht nur ein Anagramm, eine Umstellung von Buchstaben und Worten, sondern auch eine lateinisch gehaltene Hymne auf „Berlin, das Licht des Erdkreises“. Dass es damals, 1698, nächtens hier stockfinster war, ließ den Pfarrer kalt. Mit seiner Schwärmerei meinte er ohnehin den heimischen Großen Kurfürsten. Noch heute taucht der öffentliche Sparzwang die Stadt in manchmal peinliche Dunkelheit. Käme der Pfarrer wieder vorbei, dürfte er kaum vom Licht geblendet werden, auch politisch betrachtet. Doch es naht Erleuchtung. Schon in wenigen Wochen wird eine große funkelnde Werbewand die nächtliche Stadt in grelles Licht tauchen. Sie wird von oben auf dem alten Gasometer in Schöneberg wie ein Stern herabscheinen und Botschaften über Botschaften ausstrahlen. Die müden Berliner werden sich die Augen reiben. Vielleicht künden Reisende bald wieder und mit gutem Grund vom Licht, das Berlin der Welt schenkt. Und vielleicht wird mancher begeistert das Anagramm notieren: Berliner – leben irr!

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