Berlin : Von Tag zu Tag: Euro-Neuro

Andreas Conrad

Wenn der Deutsche sich ins Lyrische verirrt, greift er gerne auf Reimwörter wie Groschengrab oder Pfennigfuchser zurück. Die fallen nun leider aus, Ersatz ist nur beschränkt in Sicht. Allenfalls der Euro-Neuro wäre denkbar, anzuwenden auf Zeitgenossen mit ausgeprägter Währungswechsel-Psychose. Auch könnte sich bei Asterix & Co. das Wörtchen Centurio, bislang nur ein Dienstgrad bei Cäsars Kohorten, zum Schmähwort für knauserige Römer wandeln. Das lässt noch immer die Frage offen, wer denn am Silvestertag in den Supermärkten vor oder hinter uns hamsternd in den endlos langen Schlangen stand. Wir selbst hatten guten Grund dazu. Die Palette Weizenmehl, die zwei Dutzend Dosen Brechbohnen und Zuckererbsen, sodann die sechs Trommeln Vollwaschmittel wollten wir schon lange erwerben, hatten dies nur aus Nachlässigkeit verschoben. Ein Märchen hatte uns gottlob rechtzeitig den Weg in die Schlange gewiesen, es handelte von pausenlos sammelnden Ameisen und einer Grille, die lieber fiedelte - bis der Winter kam. Bittere Kälte herrschte auch bei uns, und wer gab schon die Gewähr, dass nicht noch alles viel bitterer würde ohne die wärmende, die nährende Mark? Jetzt war die letzte Gelegenheit, Vorräte anzulegen. Lieber Ameise als Grille - unsere Devise fürs neue Jahr.

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