Von Tag zu Tag : Fallweise

Gerd Nowakowski wundert sich über das juristische Paralleluniversum

Gerd Nowakowski

Für normale Menschen ist es einfach: Der Stahlträger, den der Sturm Kyrill vor einem Jahr vom Hauptbahnhof stürzte, ist herabgefallen, weil er nur lose auflag. Punkt. Deswegen sind inzwischen auch alle Streben festgeschweißt. Im juristischen Paralleluniversum ist die Lage längst nicht so klar. Ein Jahr nach dem Unglück heißt es aus rechtlicher Sicht immer noch: Unfallursache ungeklärt. In dieser Welt voller Winkelzüge und streitlustiger Anwälte ist auch der S-Bahn-Unfall von Ende 2006 offiziell noch ungeklärt. Dabei hat auch das jeder sofort verstanden: Ein Zug fuhr in einen anderen, weil die Schiene schmierig war und der Tank mit dem Bremssand leer.

Die merkwürdig verschobenen Wahrnehmungen haben wohl mit den Interessen der Beteiligten zu tun. So werden die Jobs von Anwälten gesichert – und von Gutachtern. Am kommenden Dienstag will der Senat wieder einmal über die Zukunft des Internationalen Congress-Centrums sprechen. Ja, das ist das Gebäude, über das die Stadt inzwischen fast so viele Gutachten gesehen hat, wie der große ICC- Saal Sitzplätze hat. Und alles nur, um nicht entscheiden zu müssen. Manchmal nennt sich solches Gebaren auch Politik.

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