Berlin : Von Tag zu Tag: Fernost

Christian van Lessen

Es gibt viele feine Lokale rund um den Gendarmenmarkt. Und es gibt dort viele feine Gespräche, die für fremde Ohren nicht bestimmt sind. Es ist zwar unhöflich - aber was sollen fremde Ohren machen, wenn sie nah sind und sonst nichts zu hören haben?

Rechts vom Tisch sitzt ein bundesweit bekannter Manager, der in diversen Aufsichtsräten vertreten ist. Mit seinem Gegenüber spricht er über die neue Berliner Gesellschaft. Die gibt es, sagt er, leider nur hier, rund um den Gendarmenmarkt. Mit der Elite im alten Berliner Westen, und Elite spricht er in Anführungszeichen, sei nicht in Kontakt zu kommen und im alten Osten habe es sowieso nie eine Gesellschaft gegeben. Er wohne gleich nebenan, ganz oben, Dachgeschoss, und wenn er sich langweile, spiele er in seiner Wohnung Golf und denke darüber nach, einen Club zu gründen.

Links sitzen zwei Männer, die offenbar auch über beste Beziehungen verfügen. Er habe gehört, sagt einer, dass Boris eine tolle Wohnung in Berlin sucht. Ja, genau, der. Boris also habe sich doch tatsächlich oben im gläsernen Turm der Oberbaum-City in Friedrichshain umgeschaut und überlegt, hier einzuziehen. Er habe lange aus den Fenstern geblickt und dann traurig festgestellt, er sehe nur Osten um sich.

Beide lachen und einer sagt, dass es den Osten immer noch gibt, der Osten jetzt nur hinterm Alex beginnt. Aber das dürfe man nicht laut sagen. Sie blicken plötzlich zum Nachbartisch, wo zwei Ohren mithören. Die tun so fein, als hätten sie nichts gehört.

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