Von Tag zu Tag : Foulspiel

Bernd Matthies wundert sich über Wowereits Fußball-Reisefieber

Bernd Matthies

Alles muss man den Angelsachsen beibringen. Zum Beispiel, einen anständigen Namen für das Phänomen zu finden, dass sich Menschen zu Abermillionen auf der Straße zusammenfinden, um auf großen Bildwänden Fußball zu sehen. Seit circa 2006 gibt es dafür also den schönen deutschen Begriff „Public Viewing“ – nun müssen wir den angestammten Besitzern der englischen Vokabeln nur noch klarmachen, dass das nicht, wie bei ihnen üblich, „öffentliche Leichenschau“ bedeutet.

Allerdings ist es eher unwahrscheinlich, dass der Senat den Wunsch der Fans nach einer zünftigen Fanmeile aus sprachkritischen Erwägungen bis zum Halbfinale hinausschiebt. Und es liegt auch keineswegs daran, dass sich unter den Stadtoberen – was ja irgendwie verständlich wäre – schon eine lähmende Fußballmüdigkeit breitmacht. Ganz im Gegenteil: Klaus Wowereit wird sogar an zwei Tagen persönlich nach Bern und Wien reisen, um dort in der Vip–Loge des jeweiligen Amtskollegen am Original-Public-Viewing im Stadion teilzunehmen.

Nein, wir sind nicht so. Wenn die Bürgermeister der betreffenden Städte einladen, kann Wowereit ja schlecht ablehnen, womöglich noch mit dem ergänzenden Hinweis, er müsse auf die Gefühle der Berliner Fans Rücksicht nehmen. Aber wir hoffen, dass er nach dem Spiel Deutschland–Österreich zumindest nicht die Leiche einer der beiden Mannschaften betrachten muss.

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