Berlin : Von Tag zu Tag: Gebrandmarkt

Ekkehard Schwerk

In den Straßen des Bayerischen Viertels von Schöneberg hängen an Laternenpfählen seit einigen Jahren 80 Tafeln, auf denen unfassbare Wahrheiten stehen, damit sie fassbar werden. In der Rosenheimer Straße zum Beispiel dies: "Alle Juden, die älter als 6 Jahre sind, müssen den gelben Stern mit der Aufschrift Jude tragen." Darunter steht das Datum, an dem diese Polizeiverordnung erging: 1. 09. 1941. Heute vor 60 Jahren.

Mit dieser Brandmarkung war ja nicht das erste Zeichen gesetzt, das auf die Verbrennungsöfen in den Stätten des Völkermordes hinwies. Einen Monat nach der "Judenstern"-Verordnung rollte der erste Zug mit 1013 Menschen vom Gleis 17 des Güterbahnhofs Grunewald in die Vernichtungslager. Es waren insgesamt 63 Züge. In der Bamberger Straße 22 wohnte das Mädchen Inge, das von nun an nicht nur den gelben Stern zu tragen gezwungen war, sondern auch nicht mehr Inge, sondern Sarah heißen musste. Sie hat es aufschreiben können, weil sie gerettet wurde. Das Grips-Theater hat Inge Deutschkrons Buch zu einem Stück gemacht. Es sollte wieder in den Spielplan aufgenommen werden. Es tut nämlich sehr not! Ein anderes Schild im Bayerischen Viertel, am Spielplatz Heilbronner Straße, das vor Kurzem noch dort hing, ist plötzlich verschwunden: "Arischen und nicht arischen Kindern wird das Spielen miteinander untersagt." Es kommt nicht nur auf einzelne Gedenktafeln an, sondern auf den Zusammenhang, der das Böse fassbar macht.

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