Berlin : Von Tag zu Tag: Geisterstunde

Bernd Matthies

Sie müssen sich das ungefähr wie eine spiritistische Sitzung vorstellen. Es knirscht und knispert, die Vorhänge fluffen ein wenig hoch, und dann schält sich eine geisterhafte Stimme aus dem Nebel: "Mir geht es gut, auch wenn gewisse Medien das anders darstellen." Margot Honecker ist schon ziemlich entrückt in ihrem chilenischen Exil, erfreut sich aber einer gewissen Gesundheit. Deshalb hat ihr Berliner Verleger gestern auch nur ein Telefon benutzt, um die goldenen Worte der gewesenen First Lady zu Gehör zu bringen. Eine Minimalsensation angesichts der Möglichkeit, dass auch Erich, der Ehegatte, sich hätte einbringen können, wäre eine Kristallkugel zur Hand gewesen.

Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt...

So blieb der Auftritt von Margot H. ein wenig kryptisch. Ein kurzer Wetterbericht aus Chile, wo es bei warmem Wetter nicht nur im Stadion recht angenehm ist, ein Löffel Zitathaftes von Peter Hacks ("Wessen sollten wir uns rühmen, wenn nicht der DDR?"), ein Häppchen Presseschelte des Inhalts, der Sprachschatz der Medien sei "nicht gerade elastisch, wenn es um die Verleumdung der DDR geht", dazu allerhand betretene Beschwörungen; ein hoher Ex-SEDler würde gar mit Margot gern nach den systemimmanenten Ursachen für den Zusammenbruch des Sozialismus suchen ...

Geisterstunde mit Margot. Was bleibt? Wenn Luis Corvalans Buch "Gespräche mit Margot Honecker" ordentlich gekauft wird, bleiben bestimmt 3000 Mark Tantiemen übrig, die dann die Verfahrenskosten für den Honecker-Prozess ausgleichen werden. Na bitte! Der Sozialismus ist zwar tot, verstorben an irgendwelchen systemimmanenten Ursachen. Aber er zahlt wenigstens seine Schulden.

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