Von Tag zu Tag : Gibt’s uns noch?

Niemand weiß, wieviel Stehrumchen er aushalten kann. Der Neujahrsempfang ist die Konditionsprüfung für zwölf Monate, egal, wann er stattfindet.

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Im Lichthof der Technischen Universität wird der Neujahrsempfang zur Ermutigung des Jahres. So jung sehen wir uns niemals wieder.
Foto: TUB

Eine Lobby hat er nicht. Ist bei Ihnen der sogenannte Neujahrsempfang schon weggespart worden? Was ließe sich mit dem Etat für Brezeln, Alkohol & Drumrum Grandioses anstellen! Was könnten Tausende von Smalltalkern in diesen hoffnungsvollen Januarstunden Sinnvolles fürs Gemeinwesen schaffen! Bekanntlich findet der rätselhaft unverzichtbare Termin frühestens nach Dreikönig statt, spätestens Anfang Februar, wenn das Jahr fast gelaufen ist; er muss sich profilieren zwischen dem adventlichen Belegschaftsbesäufnis, das den Betriebsfrieden steigert, und den begehrten Februar-Bällen, für die man fette Ticketpreise zahlt.

Offiziell dient er dem Schulterschluss der Gibt’s-mich-noch-Netzwerker, beim Stehrumchen werden Themen des Jahres abgehakt. Die Deutsche Gesellschaft für Kartographie lockt mit dem Festvortrag „Is spatial really special?“ in die Staatsbibliothek, verheißt einen langen Bericht darüber in den „Kartographischen Nachrichten“. Der Ökumenische Rat präsentiert im Haus des Erzbistums die Allzweckwaffe Katrin Göring-Eckardt als Referentin zu Flüchtlingen. Beim Empfang der Internetwirtschaft erklärt ein Staatssekretär „Digitale Agenda und IT-Sicherheit“. So geht es inhaltlich weiter, wir haben verstanden, lustig wird 2015 nicht. Denn vergnügungssteuerpflichtig sind ja diese Stelldicheins kaum - das spiegeln auch erste Berichte von der Event-Front wider, die unserer Zeitung vorliegen. Bei Dehoga und „Visit Berlin“ unterhielt man sich am Abend des 7. Januar darüber, dass der Tourismus in Berlin stärker steigt als in der Weltmetropole Paris. Beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde verkündete der Landwirtschaftsminister: „Im Kern hat sich die Lebensmittelbuchkommission meiner Meinung nach bewährt.“ Im Hauptgebäude der TU ließ deren Präsident „Ergebnisse und Erfolge des zurückliegenden Jahres Revue passieren“ – damit hatte keiner gerechnet. Geknausert wird nicht überall, der Köpenicker SV Energie Berlin Rudern kündigt „mehr oder minder gehaltvolle Getränke“ an, was Optimismus freisetzt. Die Preußische Gesellschaft (Motto: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir einen Freistaat Preußen errichten müssen“) verspricht in ihrem Monatsbrief als Gesprächsimpuls einen „grauslichen Blick ins Heute und in die Zukunft“, vermutlich auf gleicher Augenhöhe – und für das Zusammensein im Hilton als Ehrengast Seine Exellenz, Putins Botschafter.

Bitte, jammern Sie nun aber nicht, wenn die genannten Kuschelmomente gerade verweht sind – die Saison der Auftritte hat erst begonnen! So lädt der Wirtschaftskreis Hohenschönhausen-Lichtenberg am 27. Januar in die dortige Eissporthalle, lockt mit Einblicken in Kabinen prominenter Eisbären und kündet von 11.30 Uhr bis 12.20 Uhr (ein erdgeschichtlich überschaubares Zeitfenster!) „Eiszeit“ an: Wer aktiv teilnehmen will, kann für sich samt Begleitung Schlittschuhe leihen, deren Schuhgröße bei der Anmeldung gleich anzugeben ist. Die Datenschutzfrage sei an dieser Stelle mal hintangestellt. Wenn das Jahr so gut organisiert weitergeht, brauchen wir vor dem grauslichen Blick keine Angst mehr haben.

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