Berlin : Von Tag zu Tag: Gottlos regiert

Stephan Wiehler

Der Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer ist ein gottesfürchtiger Mann, der weiß, was sich für einen guten bayerischen Christenmenschen gehört: Singhammer ist römisch-katholisch, verheiratet, hat sechs Kinder und ist in der CSU. Von Atheisten hält Singhammer wenig, schon gar nicht, wenn es Sozen sind. Und deshalb wird der Sozialpolitiker heute auch einen Teufel tun, der freundlichen Einladung von Arbeitsminister Walter Riester zur Eröffnung seines neuen Dienstsitzes an der Wilhelmstraße zu folgen. Singhammer hat sich das geplante Festprogramm genau angeschaut und darin die christliche Segnung des Hauses vermisst. Aus Protest gegen diese frevelhafte Unterlassungssünde Riesters hat Singhammer zum Boykott der Veranstaltung aufgerufen. Und, siehe, prominente Brüder und Schwestern, wie der frühere DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann und Ex-Jugendministerin Claudia Nolte, haben den Aufruf unterschrieben, weil auch sie christliche Werte bei Eröffnungen von öffentlichen Gebäuden gewahrt wissen wollen und damit drohen, keinen Schritt in das gottlose Haus zu setzen. Den Minister allerdings scheint die Gefahr, bei seiner Arbeits- und Sozialpolitik künftig auf den Beistand des Herrn verzichten zu müssen, nicht zu schrecken. Das Programm wolle man nicht ändern, sagte ein Sprecher, der darauf verwies, dass seit 30 Jahren kein Ministerium mehr kirchlich geweiht worden sei. Dabei könnte das Haus in der Wilhelmstraße 49 durchaus einen frommen Dienst gebrauchen. Schließlich hetzte von hier einst Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Ein ordentlicher Exzorzismus kann da beim Neubezug nie schaden.

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