Berlin : Von Tag zu Tag: Grimms WG

Stephan Wiehler

Es waren einmal zwei Brüder, die hatten einander herzlich lieb, und alles, was sie im Leben taten, wollte keiner von ihnen ohne den anderen tun ... In der deutschen Märchenbranche lebten Wilhelm und Jacob Grimm vor, was sonst allenfalls Kinder für bare Münze nehmen. Doch die Wirklichkeit sah weniger märchenhaft aus, als es die Dichterbrüder ihrer Leserschaft in ihren Geschichten vorflunkerten. Auf Wohnungssuche in Berlin erging es ihnen nicht anders als heutigen Neuberlinern. Grimm-Forscher von der Humboldt-Universität stöberten jetzt in Münster eine Grundriss-Skizze der letzten Berliner Wohnung auf, in der die Gebrüder Grimm von 1847 bis 1863 gelebt hatten. Die 300 Quadratmeter große Wohnung in der Linkstraße 7 auf dem heutigen Gelände von DaimlerChrysler am Potsdamer Platz war für die Märchenmänner allerdings kein Traumdomizil. Das Haus in bester Citylage am Potsdamer Bahnhof war ihnen zu laut, obwohl damals höchstens drei Züge pro Stunde verkehrten. "Wir wollten aber so ungern in mitten der Stadt", schrieb Wilhelm über die Schwierigkeiten, eine angemessene Bleibe zu finden, "einige alte große Wohnungen, die ich besah, sahen aus wie Mördergruben." Die Zweier-WG war zuvor schon mehrmals umgezogen. Von der Lennestraße 8, in der die Brüder von 1841 bis 1846 lebten, waren sie in die Dorotheenstraße 47 umgesiedelt. Dort zogen sie bereits 1847 wieder aus - es gab Krach mit dem Hauswirt. Erst in der dritten und letzten Wohnung in der Linkstraße erging es den Grimms (obwohl sie die Segnung des Bausparens nicht mehr erleben durften) doch noch ein wenig wie im Märchenbuch: Vom Zuglärm abgesehen lebten sie hier glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

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