Berlin : Von Tag zu Tag: Großstadtwildnis

Andreas Conrad

Dem modernen Menschen, zumal dem Großstädter, mangele es an großen Naturerlebnissen, wird häufig geklagt. Fehlende Ehrfurcht vor der ungezähmten Natur sei die Folge, frevelhafte Hybris gar, mit all ihren unerquicklichen Auswirkungen auf das Miteinander der Menschen.

Dabei müsste der naturfremde Städter an sich nicht darben, sperrte er nur Augen und Ohren auf und strengte seine Restfantasie ein wenig an. Und es müssen nicht einmal die allgegenwärtigen Grunewalder Wildschweine sein, die ihm den Vorgarten versauen. Sogar eine Autofahrt quer durch die Stadt ist mitunter Abenteuer genug.

Denn plötzlich saß er da: Meister Reineke, aufmerksam, die Ohren gespitzt - und sichtlich belämmert. Ausgerechnet auf die Brücke, mit der der Dahlemer Weg in Zehlendorf im langen Bogen über die S-Bahngleise schwingt, hatte es ihn verschlagen. Er hockte einfach da, ließ die stinkenden Ungeheuer an sich vorbeibrummen, ratlos zwar, wie er sich verhalten sollte, aber auch nicht wirklich aufgeregt - husch ... schon war man vorbei.

Und hatte bald wieder Gelegenheit zu romantischer Naturbetrachtung. All die Tannen zur Rechten wie zur Linken, die bescheiden vor sich hinnadelten und dazu von Windböen um und um gewirbelt wurden - glichen sie nicht dem heimatlosen Dornengestrüpp des Wilden Westens, das in zahllosen Filmen über die Straßen gottverlassener Nester getrieben wurde? Aber dann hat der Großstadtwind auch schon keine Lust mehr und erstirbt. Plötzlich sehen die nadelnden Gerippe wieder sehr trostlos aus, und über den Schmutz der Gehsteige kullert nur noch achtlos zerknülltes Papier.

0 Kommentare

Neuester Kommentar