Von Tag zu Tag : Hin und weg

Gerd Nowakowski wundert sich über eine Kandidatin mit Rückfahrschein

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So geht grüne Ironie. Renate Künast wird im Museum für Kommunikation, wo eine Ausstellung zum Thema Gerüchte läuft, das bestätigen, worüber es seit Monaten Gerüchte gibt – ihre Spitzenkandidatur. Hat jemand anderes erwartet? Sie folgt nur den Umfragewerten, die fast plebiszitären Charakter angenommen haben mit einer stetig wachsenden Zustimmung für die Vorsitzende der grünen Bundestagsfraktion. Parteiintern war längst klar, dass Künast sich nicht verweigern kann. Dies würden Wähler den Grünen übel nehmen und zudem wie persönliche Feigheit aussehen.

Schlagfertig zu sein und große Erfahrung in Berlin zu haben, sprechen für Künast. Frischen Wind, den die Hauptstadt braucht, garantiert das noch nicht. Noch hat sie nicht deutlich gemacht, welche Idee sie für Berlin hat. Rot-Rot hat die innere Einheit der Stadt vorangebracht und ernst gemacht mit dem Sparen. Von grüner Ökonomie sprechen derzeit alle Parteien; wie das Jobs schaffen kann, muss Künast noch zeigen. Raum für grüne Projekte gibt es, weil Abnutzungsspuren bei Rot-Rot immer sichtbarer werden. Was die Koalition noch gestalten will, wird im selben Maße unklarer, wie die Kehrseiten eines eingeschliffenen Alltags der Macht spürbar werden: Die Unfähigkeit im Großen, über den Weiterbau der Stadtautobahn A 100 zu entscheiden, gehört ebenso dazu wie die merkwürdige Auftragsvergabe beim städtischen Wohnungsbauunternehmen Howoge. Nach 22 Jahren Regierungsbeteiligung könnten die Sozialdemokraten eine Pause gebrauchen.

Ob die Kandidatin der Erwartungshaltung genügen kann, muss sie zeigen. Das kommende Jahr wird der erfahrene Wahlkämpfer Klaus Wowereit zu nutzen wissen; zumal Renate Künast nun auch Antworten liefern muss. Die Grünen haben erlebt, dass brillanten Umfragewerten ernüchternde Wahlabende folgten. Verblüffend ist, was sich die traditionell aufmüpfige Partei bieten lässt. Die Heilserwartung ist so groß, dass klaglos hingenommen wird, wie die Selbstkür der Spitzenkandidatin an der Basis vorbei erfolgt und Künast selbst Grün-Schwarz nicht ausschließt. Dass sie den Wahlkampf aus dem Amt der Fraktionschefin heraus führen will, ist verständlich – in den Grünen selbst ist auch das ein kultureller Wandel. Wichtiger ist etwas anderes: Den Berlinern kann nicht egal sein, dass Künast nur Regierende werden will oder gar nichts. Wer Berlin voranbringen will, der muss dazu auch nach der Wahl stehen. Politexport auf Stippvisite geht nicht.

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