Berlin : Von Tag zu Tag: Hoch hinaus

Christian van Lessen

Deutsche Krimiserien spielten jahrzehntelang im feinen München, im reichen Frankfurt oder im edlen Hamburg, fast nie im schönen Berlin. Der DDR-Polizeiruf 110 machte eine Ausnahme, aber das ist lange her und fast vergessene Fernsehgeschichte.

Heute gibt es bei zig Sendern nur noch wenige TV-Krimi-Serien, die nicht in Berlin spielen. Wir sehen Mord und Totschlag vor tristen Hinterhof- und bröckelnden Plattenbaukulissen, zittern bei rasanten Verfolgungsfahrten über vergiftete Militärbrachen oder ruinöse Gewerbeflächen. Allein immer nur diese hässlichen Orte zu sehen, könnte Lokalpatrioten in Missstimmung versetzen - wenn da nicht eine Eigenart wäre, die fast jeder dieser neuen Berlin-Krimis hat.

Irgendwie schaffen es die Filmautoren stets, ihre Helden zum Potsdamer Platz mit seinen Hochhäusern zu schicken. Da kann ein armer Mann am Ostbahnhof oder in Treptow-Köpenick lebensgefährlich verletzt worden sein: Er schleppt sich durch die ganze Stadt, bis er die Hochhäuser erreicht und dann vor stolzer Metropolenkulisse zusammenbricht. Oder Polizisten: Gerade noch jagen sie mit ihrem Auto irgendwo am Stadtrand hinter einem Mörder hinterher, schon biegen sie am Potsdamer Platz ein, den gläsernen Sony-Riesen zur Rechten, den steinernen Daimler-Turm zur Linken.

Berlins neueste Hochhäuser sind als Filmstars entdeckt worden, und nicht nur in Krimis. Die Bauten und ihre Perspektiven verkörpern Weltstadt, Skyline und Manhattan im Miniformat. Dass es meist nur die zwei Häuser sind, die stets und ständig gezeigt werden, ist nicht einfallslos, sondern reine Notlage. Irgendwann aber wird das Wenige zuviel. Was macht der Alex?

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