Berlin : Von Tag zu Tag: Immer korrekt

Andreas Conrad

Sie lag einfach da, von Grasbüscheln halb verborgen, und erfüllte ihre Pflicht, obwohl gewiss schon mancher achtlos vorübergeschritten war. Zehn Uhr dreiundzwanzig - das stimmte auf die Sekunde. Ein für den Herren bestimmtes Modell, im Aussehen gar nicht mal unflott, das Armband aus Leder, nur wenig beschmutzt. Warum sie da lag, war nicht ganz klar. Gegen die erste Vermutung, sie sei ihrem Eigentümer vom Arm gerutscht, sprach der Umstand, dass beide Teile des Armbandes mit einer Schnalle ordentlich verschlossen waren. Für unwert befundenes Diebesgut? Aber welcher Spitzbube entledigt sich seiner tickenden Last ausgerechnet vor dem Gelände eines Zehlendorfer Kleintierzüchtervereins? Ein von den Kindern der nahen wie fernen Umgebung übrigens viel besuchter Ort, sogar Kindergartengruppen schauen gern vorbei, um den Ziegen am Bart zu kraulen und ihnen gar eine Mohrrübe durch den Maschendrahtzaun zu schieben.

Man mochte die Uhr drehen und wenden, wie man wollte - sie blieb ein Rätsel. Und was sollte jetzt mit ihr geschehen? Fürs Fundbüro sah sie nun doch nicht wertvoll genug aus. Sie eigener Verwendung zuführen? Aber man besaß doch schon mehrere Uhren, und überhaupt ... Also blieb die Uhr zurück, immerhin nicht mehr, Fußtritten ausgesetzt, am Boden, sondern in Blickhöhe am Zaun. Vielleicht, dass ja doch der Besitzer ... Oder ein uhrloser Spaziergänger käme des Weges und fände an dem Ticken seine Freude ... Wie auch immer, beim nächsten Ziegen-Besuch, nach gut einer Woche, sollte man doch damit rechnen, dass die Uhr verschwunden ist. Ein Irrtum, wie sich zeigte: Unberührt hing sie am selben Ort und zeigte die Zeit - korrekt, auf die Sekunde.

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