Berlin : Von Tag zu Tag: In die Röhre

Bernd Matthies

Kenner der Neusprech-Szene wissen: Kommt das angelsächsische -ing ins Spiel, wird es modern, dann legt der Zeitgeist seinen zitternden Finger an den Puls ... Na, jedenfalls so ähnlich. Wir stählen also unsere Nerven beim Geröllboarding, wechseln anschließend zum leichten Ropeskipping und chillen zum Schluss erschöpft out beim After-Work-Clubbing. Aber was zum Teufel ist "Kundenmonitoring"? Regalüberwachung im Supermarkt?

Ja, es hat mit Polizei zu tun, aber anders. Früher, als Pickelhauben im Trend lagen, hätte man den Vorgang "Bürgerbefragung" genannt. Doch Pickelhauben sind aus, äh: out, sogar mega-out. Also werden wir jetzt polizeilich gemonitort, und zwar in zwölftausendfacher Ausfertigung. Die Fragen - Questions? - wirken simpel. Sie forschen nach dem persönlichen Sicherheitsempfinden, der Zahl der Kontakte mit der Polizei und der Zufriedenheit mit eben jener.

Wäre ja in Ordnung, macht ja heute jeder Friseur. Allerdings stellt sich auch die Frage, was denn aus der Auswertung dieser Bögen folgen könnte. Entweder fühlen sich die Berliner einigermaßen sicher und sind zufrieden mit ihren Ordnungshütern - dann kommt der Finanzsenator und sackt wieder 2000 Stellen ein. Oder sie sind es nicht - dann gibt deshalb trotzdem keinen einzigen Polizisten dazu. Oder die Marzahner fühlen sich wohl - und verlieren dann ihre Polizisten ans unsichere Neukölln. Ganz nebenbei muss man wohl befürchten, dass eine gehörige Anzahl von Dienstkräfte durch das Fragebogenentwerfen und -auswerten daran gehindert ist, Sicherheitsgefühle zu verbreiten.

Wir sehen: Das sog. Kundenmonitoring hat seine Tücken. Am Ende könnte es übersetzt bedeuten, dass der Bürger einfach in die Röhre guckt.

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