Berlin : Von Tag zu Tag: In Fraktur

Bernd Matthies

Ja, da lacht der Sportsenator in die Kamera. Fröhlich sieht er aus und hat auch allen Grund dazu, denn das Plakat hängt hinter ihm, und er muss es nicht sehen. Das ist auch besser so, denn sonst wäre er womöglich nachdenklich geworden und hätte, statt zu lächeln, mal über den Inhalt nachgedacht. Doch dazu bestand offenbar kein Grund, denn das Motiv für die Plakatkampagne der Sportjugend, der Kampf gegen Gewalt und Rassismus, ist politisch tadellos. Und erst der Spruch! "Kraft durch Freunde" - super, nicht wahr?

Als wir gestern in der Redaktion davon hörten, waren wir erst einmal baff. Sind die 23-Jährigen in den Werbeagenturen inzwischen so geschichtsblind, dass sie "Kraft durch Freude", den Namen der NS-Organisation zur politisch gefälligen Freizeitgestaltung, nicht mehr kennen? Oder, noch schlimmer, dass sie mit dieser hohlen Parole absichtlich herumspielen? Ein Kollege, der das Plakat nicht kannte, erlaubte sich einen schwarzen Witz: "Vermutlich schreiben sie den Satz auch noch in Fraktur." Dann kam das Foto, und in der Tat: Sie haben ihn in Fraktur geschrieben, wie im Völkischen Beobachter, und da blieb uns nun wirklich die Luft weg. Die Nazis - echt böse, aber körperlich immer gut drauf!

Wir hätten da noch einen Vorschlag, nur mal als Gedankenspiel, weil die Werbung für die Völker verbindende Kraft des Sports ja weiter gehen muss. Wie wäre es mit "Halbzeit macht frei", im Halbrund aufgespannt über dem Eingang des Olympiastadions? Als kleine, witzige Erinnerung an die vergangene Ära der Konzentrationslager? Wir wüssten gern, ob der Sportsenator darüber auch noch gelacht hätte.

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