Berlin : Von Tag zu Tag: Ins Glas geschaut

Holger Wild

Kunst ist Kunst, alles andere ist alles andere. Hat Marcel Duchamp gesagt. Aus der Perspektive einer Neuköllner Eckkneipe gesprochen, meint Conny Grothe wohl das gleiche, wenn er befindet: "Kunst, das sind für mich Bilder, von den Italienern oder Holländern. Aber nicht sowas."

Grothe ist der Wirt der "Kindl-Klause" im Herrenhuter Weg in Neukölln. Und "sowas" - das ist ein Glaskasten, der seit einigen Tagen in seiner Kneipe aufgebaut ist. Neonbeleuchtet und mit separatem Eingang. Da kann man sich reinsetzen und den Kneipengästen beim Biertrinken zusehen. Und über Lautsprecher zuhören, wie sie "Conny, machste noch zwei?!" rufen. Und die Kneipengäste können zusehen, wie man im Glaskasten sitzt und ihnen beim Biertrinken zusieht. Wodurch man also sieht, wie man angesehen wird. Worauf wiederum die Gäste sehen, wie jemand sieht, der sieht, wie er angesehen wird. Toll, oder?

Zum Glück kann man aber über eine Gegensprechanlage auch in dem Kasten ein Bier bestellen. Dann sehen einem die andern beim Biertrinken zu. Und wenn draußen jemand an der Kneipe vorbeigeht, sieht er durch die Fenster Leute, die sich beim Biertrinken zusehen. Wo also liegt der Unterschied? Hat sich in dieser Kneipe irgendwas geändert?

Wenn Marcel Duchamp einen Flaschentrockner ins Museum stellt, und sagt es ist Kunst, dann ist das Kunst. Wenn einer das Museum in die Kneipe baut, ist das auch Kunst. Aber wenn die Leute sich beim Biertrinken zusehen können, ist das keine Kunst, sondern alles andere. Denn was tun die Leute eben in Kneipe? Schauen ins Glas und sehen sich beim Biertrinken zu.

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