Berlin : Von Tag zu Tag: Ins Rollen gekommen

Lothar Heinke

Ob nun heute Abend dieses wichtige Fußball-Pokalspiel Union - Mönchengladbach angepfiffen wird oder nicht, weil die Alte Försterei draußen in Köpenicks Wäldern unter Wasser steht - ihn stört das überhaupt nicht. Er fährt eisern seine Strecke, quer durch die Stadt, von Ost nach West und zurück, ganz in Rot-Weiß mit einem großen Fußball drauf und der Aufforderung: Werdet Mitglied!

Der Doppeldecker-Bus der BVG mit dem Symbol des 1. FC Union ist ein Werbeträger und ein Maskottchen dazu; wer sich nicht für Sport interessiert, den freut schon das fahrplanmäßige Erscheinen des 348ers, egal, wofür der zwischen Breitenbachplatz und Mollstraße Reklame fährt. Aber der Union-Fan sieht mehr. Ihm rollt gewissermaßen sein eigener Verein vor die Füße, und beim Einsteigen vergißt er nicht, dem Fahrer ein freundliches "Eisern!" zu entbieten, was dieser freilich nicht zwangsläufig erwidert: "Denken Sie, wir werden nach unseren Hobbys eingeteilt?", sagt ein Omnibuslenker, "vielleicht soll ich mir noch ein Union-T-Shirt anziehen und einen rot-weißen Schal umbinden?"

Der Mann hat wirklich eine glänzende Idee. Die Busse sind im Innern alle gleich nüchtern, egal, was draußen dran steht. Das könnte man ändern: Im Coca-Cola-Gefährt wäre eine Getränke-Zapfstelle mit kostenlosem Ausschank denkbar, im roten Bus der Berliner Sparkasse steht ein Geldautomat, und wer den Drospa-Bus besteigt, bekommt ein Pröbchen. Im Union-Bus müsste eine rot-weiße Fahne hängen, wenigstens ein Wimpel, und auf Wunsch könnte Nina Hagen ihre Vereinshymne röhren - es gibt ja so viele Möglichkeiten!

Der Union-Bus-Fahrer gestern war ein echter Fan: "Eisern!" sag ich, "jetzt oder nie!". Er guckt sehr optimistisch, sagt nichts, aber stellt den Daumen nach oben: Sieg! Wenn der Recht behält, schenke ich ihm meinen rot-weißen Schal ...

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