Von Tag zu Tag : Kalte Worte für den heißen Tag

Die Berliner schwitzen bei 38 Grad. Weil es da nicht immer einfach ist, einen kühlen Kopf zu bewahren, macht man sich am besten frostige Gedanken. Stefan Jacobs erzählt von Sibirien, Skandinavien, Schnee und Pinguinen.

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Stefan Jacobs macht sich kühle Gedanken.
Stefan Jacobs macht sich kühle Gedanken.Foto: Picture Alliance / dpa

Nennen wir sie Familie Kuhlmey. Irgendwo in Berlin sitzt das Ehepaar beisammen, einen Aperol Spritz mit Eiswürfeln vor sich auf dem Glastisch, die nackten Füße ruhen an den stählernen Tischbeinen. Frau und Herr Kuhlmey schwelgen in Erinnerungen. Es war einer dieser endlosen Winterabende, im Radio lief das Übliche: „Ice, Ice Baby“ von MC Hammer, „Fresh“ von Kool & The Gang, „Last Christmas“ von Wham, solche Sachen halt. Aber richtig nahe gekommen sind sie sich erst bei „November Rain“ von Guns’n’Roses und einer frisch aufgelegten Prise „Cool Water“. Er wohnte damals noch in der Schneeberger Straße in Hellersdorf, wo der Wind oft direkt von Sibirien um die Häuser blies und die Vegetation in den Höfen karg war wie in Lappland. Die City mit ihren Eisbären im Zoo schien so weit entfernt wie Skandinavien oder dieser Zipfel über Spandau, der Eiskeller heißt und nur im Wetterbericht auftaucht.

„Deshalb sind wir dann ja nach Glienicke/Nordbahn gezogen“, sagt Brunhilde Kuhlmey und geht zum Kühlschrank, um noch etwas von der Kalten Platte zu nehmen, die ihnen der Eismann-Mann geliefert hatte. „Möchtest du auch ein Pfefferminz-Sorbet?“, fragt sie ihren Mann Kalle, aber der hat sich gerade schon einen dieser Halsbonbons mit Gletscheraroma und Alpenkräutern gegriffen, die im Supermarkt neuerdings neben der Kühltheke platziert sind – da, wo bisher Limettenschaum und Kaltschale standen.

„Wusstest du eigentlich, dass die Eskimos 25 Wörter für Schnee haben?“, ruft Kalle plötzlich in die Küche. „Ja, das hast du mir schon in der Silvesternacht erzählt, als wir draußen standen und die Reifschicht auf den kaltweißen LEDs an der Nordmanntanne im Garten bewundert haben. Außerdem stimmt das gar nicht, und die Eskimos wollen lieber Inuit genannt werden.“

Hast ja recht, denkt Kalle, dem jetzt seine Junggesellenzeit einfällt, in der er unwidersprochen alles sagen konnte, weil keiner zuhörte, und in der er zum Frühstück gerne „Frosties“ aß. Damals wollte er eine Pinguinfarm aufbauen, weil Geflügelfleisch groß in Mode war. Es war kurz vor dem Sushi-Boom, die Verträge mit der grönländischen Firma waren schon in kühlen Tüchern. Doch dann zog die Nord LB ihre Kreditzusage zurück, in Island brach rund um die Blaue Lagune die Finanzkrise aus, und die stark gestiegenen Preise für Kaltwasser ließen einen frösteln. Er heuerte als Kältebusfahrer an, wo er eine Klimaanlage hatte und mit einer Tankfüllung Winterdiesel trotz meterhoher Schneeverwehungen oft über einen ganzen Monat kam.

In diesem Moment schleckt etwas Frisches an Kalles Bein: Es ist Björn, sein alter Husky. Er sieht sein Herrchen mit eisgrauen Augen an. Und hechelt.

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