Berlin : Von Tag zu Tag: Klasse? Masse!

Andreas Conrad

Allzu viele Metropolen sind uns noch immer über, neidvoll gestehen wir dies ein. Denn bei aller Schrillheit, die der Berliner Szene eigen sein soll - diplomatische Irritationen um ein aus Nachttöpfen komponiertes Kunstwerk sind ihr noch nicht entsprungen. Paris hat hier einfach eine längere Tradition. Dafür sollte die dortige chinesische Botschaft eigentlich Verständnis haben und den, zumal in Schanghai gebürtigen, Künstler Chen Zhen mit seinem Ensemble aus hölzernen Pisspötten gewähren lassen, selbst wenn es einem chinesischen Glockenspiel nachempfunden ist und daher von einer gewissen Respektlosigkeit bezüglich nationaler Traditionen zeugt. Aber nein, was machen die Herren Diplomaten? Sie stänkern rum.

Zu derlei anrüchigem Ruhm haben wir es leider noch nicht gebracht, trotz aller Anstrengungen. Diese zielen ohnehin weniger auf Qualität, denn auf Quantität. Masse statt Klasse, heißt nach wie vor die Devise. Der soeben beendete Aufmarsch der Bärenbataillone Unter den Linden hat es wieder mal gezeigt. Hiesige Silvesterfeiern gelten ohnehin nur noch als gelungen, wenn sich dabei mindestens eine Million Menschen die Nase begießen. Und so kommt der neueste Berliner Rekordversuch Anfang Dezember alles andere als überraschend: Willkommen zum größten Klassentreffen der Welt!

Ausgerichtet wird die Ex-Pennälerparty von einer Veranstaltungsfirma, die gleich sechs Messehallen auszufüllen hofft und trotz der Zugangsbeschränkung - zwischen 18 und 65 Jahre alt, mit in Berlin absolviertem Oberschulabschluss - von 180 000 Teilnehmern ausgeht. Sie alle zu ihren Klassenverbänden zu dirigieren, verlangt fast schon militärisches Geschick, das die Organisatoren erst beweisen müssen. Vorerst haben sie sich nur im Merkantilen bewährt, dürfte doch das Berliner Klassentreffen das erste sein, bei dem man Eintritt zahlen muss.

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